Zerstörtes Assad-Porträt

Syriens Oppositionsgruppen und ihre Ziele Das Who's who der Assad-Gegner

Stand: 12.09.2013 12:50 Uhr

Die Opposition in Syrien eint ein Ziel: Machthaber Baschar al Assad muss gestürzt werden. Darüber hinaus ist der Widerstand, der aus so unterschiedlichen Gruppen wie Islamisten, Nationalisten oder Kommunisten besteht, aber tief zerstritten. Die Spaltung der Regierungsgegner gilt als einer der Gründe, warum sich der verhasste Machthaber trotz des Volksaufstands immer noch halten kann.

Soll man das Ausland zu Hilfe holen? Wie soll ein Syrien nach Assad regiert werden? Welche Rolle sollen die Religion und die ethnischen Minderheiten spielen? Über diese Streitfragen haben sich die oppositionellen Gruppen seit Beginn der Aufstände im März 2011 so weit aufgesplittert, dass die Gefahr besteht, dass auch nach einem Assad-Sturz direkt wieder Krieg herrschen könnte.

Florian Wöhrle gibt einen Überblick über die wichtigsten Gruppen und Bündnisse des syrischen Widerstands

Die Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte gilt als größte und einflussreichste Gruppe der Regierungsgegner, an der Spitze steht der syrische Politiker Ahmed Dscharba. Das Bündnis wurde im November 2012 auf Druck des Westens in Katar gegründet, um eine vorläufige Exilregierung zu stellen, die nach einem Sturz Assads die Macht übernehmen soll. Staaten wie die USA, Frankreich und die Türkei haben die von Istanbul aus agierende Nationalkoalition als "legitime Vertretung des syrischen Volkes" anerkannt.

Das Bündnis setzt sich aus so unterschiedlichen Gruppen wie der konservativen Muslimbruderschaft, säkularen Vereinigungen, kurdischen und turkmenischen Vertretern sowie Angehörigen verschiedener Revolutionskomitees zusammen. Die größte Vereinigung innerhalb der Koalition stellt der Syrische Nationalrat (SNC).

Mit Assad wird nicht verhandelt

Die Nationale Syrische Koalition lehnt Verhandlungen mit Assad ab und arbeitet zumindest teilweise mit der Freien Syrischen Armee (FSA) zusammen. Westliche Staaten verlangen, dass die Nationalkoalition auch gemäßigte Oppositionsgruppen aufnehmen soll. Dieser Wunsch wird vor allem von der Muslimbruderschaft torpediert, die dadurch ihren Einfluss schwinden sieht.

Vor der Gründung der Nationalen Syrischen Koalition war der Syrische Nationalrat (SNC) der wichtigste Zusammenschluss der Oppositionsparteien. Zum SNC, der jetzt Mitglied der Nationalkoalition ist, gehören die Bewegung der Muslimbrüder sowie mehrere kleinere, vorwiegend links orientierte Parteien. Auch Minderheiten wie Kurden und Christen sowie Intellektuelle und Dissidenten sind dabei. Die meisten Mitglieder arbeiten aus Angst vor Repressionen im Exil.

Etliche unabhängige Persönlichkeiten haben sich inzwischen vom SNC abgewandt, weil ihnen der Einfluss der Islamisten in dem Rat zu groß ist. Verhandlungen mit dem Assad-Regime sind auch für den Nationalrat ausgeschlossen. Die Mehrheit unterstützt eine militärische Intervention von ausländischen Kräften. An ihrer Spitze steht der Christ George Sabra.

Der zweite größere Dachverband der Widerständler ist neben der Nationalkoalition das Nationale Koordinierungskomitee für Demokratischen Wandel (NCC). Das NCC ist die einzige maßgebliche Oppositionsgruppe, die vom Assad-Regime noch geduldet wird.

Oberstes Ziel des Komitees ist es, den Bürgerkrieg möglichst rasch zu beenden. Anders als die Exil-Opposition setzt die Gruppe vor allem auf Verhandlungen mit dem Regime und nicht auf den bewaffneten Kampf. Das NCC ist ein in Damaskus gegründeter Zusammenschluss von arabischen Nationalisten, Kurden, Sozialisten und Marxisten.

Die Reformer und Regimekritiker arbeiten in Syrien, einige Mitglieder wurden festgenommen oder an der Ausreise gehindert. Das Nationale Komitee wendet sich strikt gegen eine militärische Intervention des Auslands. Dem Nationalrat wirft es trotz einiger gemeinsamer Positionen vor, zu sehr von der westlichen Politik beeinflusst zu sein.

Die Lokalen Koordinierungskomitees (LCC) gelten als das organisatorische Rückgrat des Widerstands. Die zumeist jüngeren Aktivisten bedienen sich sozialer Netzwerke wie Facebook und kommunizieren über das Internet, um Proteste gegen das Assad-Regime zu organisieren. Sie unterstützen die Nationale Syrische Koalition und kooperieren mit der Freien Syrischen Armee.

Auch weitere Hilfen wie Nahrungs- und Arzneimittelspenden sowie medizinische Einsätze werden von den Komitees koordiniert. Viele der jungen Widerständler lehnen eine ausländische Einmischung ab.

Im Sommer 2011 gründeten Deserteure des Assad-Militärs die Freie Syrische Armee (FSA), zunächst um friedliche Demonstrationen zu schützen, inzwischen führen sie gegen die überlegenen syrischen Streitkräfte einen Guerilla-Krieg. Viele lokale bewaffnete Gruppen erklärten sich der FSA loyal gegenüber, einige der Brigaden riefen ihre Gründung per Youtube-Video aus.

Bis zu 60.000 Mann sollen für die FSA kämpfen, darunter nicht nur Deserteure. Auch viele Zivilisten, die während ihrer Schulzeit den obligatorischen Unterricht an der Waffe durchlaufen haben, kämpfen mit. Kämpfer aus dem Ausland - zum Beispiel aus Libanon und Libyen - sollen sich ebenfalls angeschlossen haben.

Mitglieder der "Freien Syrische Armee"

Unter den Mitgliedern der Freien Syrischen Armee sind viele Zivilisten, die das Schießen zum Teil in der Schule gelernt haben.

Der nominelle Kopf ist der im März schwer verletzte Oberst Rias al Asaad, militärischer Oberbefehlshaber der syrischer Brigadegeneral Selim Idriss. Doch feste Kommandostrukturen konnten sich nicht etablieren, aus vielen lokalen FSA-Kommandeuren wurden lokale Machthaber. Oft eint sie kaum mehr als der Name.

Die bewaffneten Rebellen werden von verschiedenen Organisationen, unter anderem von Human Rights Watch, für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht. Die FSA reagiert mit der Zusage, Gräueltaten in den eigenen Reihen zu ahnden.

Der bewaffnete Widerstand wird nicht nur von der Freien Syrischen Armee, sondern auch von der Al-Nusra-Front geführt - einem Ableger von Al Kaida im Irak. Sie tritt für einen extremistischen Islam und die Anwendung der Scharia ein und soll inzwischen aus bis zu 8000 Kämpfern bestehen. Von den Vereinten Nationen wird sie als Terrororganisation eingestuft.

Die Al-Nusra-Brigaden setzen auch auf Bombenanschläge und Selbstmordattentate. Als disziplinierte und gut ausgebildete Kämpfer sind die Mitglieder der Al-Nusra-Font von der FSA hoch geachtet. Unter anderem sollen sie beim Kampf um Aleppo eine zentrale Rolle gespielt haben.

Die Spannungen zwischen Al Nusra und säkularen Aktivisten nehmen in den von Rebellen kontrollierten Gebieten Syriens zu. Offenbar häufen sich Überfälle der Kämpfer auf säkulare Zivilorganisationen und Demonstrationen. Auch oppositionelle Christen sollen bereits angegriffen worden sein.

Das eigentliche Kriegsziel der Al-Nusra-Front reicht über Syrien hinaus: Die Dschihadisten kämpfen für ein sunnitisches Emirat, das vom Irak bis hin zum Libanon reichen soll.

Die islamistische Terrororganisation ISIS steht ebenfalls Al Kaida im Irak nahe. Sie hat sich vor allem in der Provinz Al Rakka festgesetzt. Die etwa 1500 Kämpfer aus Libyen und Saudi-Arabien versuchen vor allem, eine radikale Interpretation des sunnitischen Islam durchzusetzen. Die Gruppe, die sich zur Durchsetzung ihrer Ziele Kämpfe mit Assads Armee, aber auch mit lokalen Rebellen liefert, ist bei der Zivilbevölkerung verhasst.

Im Laufe der Kämpfe um die Macht in Syrien wurde es für ausländische Journalisten immer schwieriger, die Zahlen der Opfer zu bestimmen. Viele Medien beriefen sich zunehmend auf die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Doch hinter dem offiziell klingenden Namen verbergen sich mindestens zwei kleine Büros, die fernab des Geschehens von Großbritannien aus arbeiten. Die Opferzahlen ziehen sie aus ihren Kontakten und Netzwerken in Syrien. So bemängelt André Bank vom Giga-Institut für Nahost-Studien, dass die Angaben einseitig aus Sicht der syrischen Opposition gemacht würden und nicht überprüfbar seien.

Mitarbeiter von Amnesty International im Nahen Osten bezeichneten die Statistiken der Beobachtungsstelle als "eine der besten".

Die in Syrien seit Anfang der 80er-Jahre verbotenen Muslimbrüder setzen sich gemäß ihrer Ende März 2012 in Istanbul vorgestellten politischen Charta unter anderem für eine bürgerliche Verfassung, Menschenrechte und die Bekämpfung des Terrors ein. Unklar ist, welche weiteren Ziele sie verfolgen.

Sie agieren vom Exil aus und haben starke Verbindungen in die mit Assad verfeindete Türkei. Die politischen Strukturen verlaufen bislang im Verborgenen, jedoch üben die Muslimbrüder eine große Anziehungskraft auf die religiösen Syrer aus.