Ein Besucher der Gamescom in Köln 2017 testet neue Spiele | AFP

Aufnahme in WHO-Katalog Online-Spielsucht als Krankheit anerkannt

Stand: 20.05.2019 16:17 Uhr

Wenn das Daddeln am Computer wichtiger wird als Freunde, Job oder sogar Schlafen - dann sprechen Mediziner von einer Sucht. Die WHO nimmt die Spielsucht nun in ihr Verzeichnis auf.

Dietrich Karl Mäurer ARD-Studio Zürich

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Studio Zürch

Mehr als 34 Millionen Deutsche spielen Computer- und Videospiele, schätzt der Verband der deutschen Games-Branche. Nur ein verschwindend kleiner Teil - weniger als ein Prozent - spiele exzessiv. Wann aber wird das Spielen zur krankhaften Sucht?

Bettina Borisch vom Institut für globale Gesundheit an der Universität Genf sagt, Ärzte in aller Welt standen bisher bei der Diagnose der Onlinespielsucht stets vor einer Herausforderung: Man müsse herausfinden, ab wann die Sucht, am Computer zu spielen, krankhaft sei. Dafür brauche man ganz klare Kriterien. Um diese Kriterien überall anwenden zu können, müssten sie global sein, sie müssten von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommen.

Wenn alles dem Spielen untergeordnet wird

Für die WHO beginnt die Problematik, wenn ein Mensch länger als ein Jahr lang alle anderen Aspekte des Lebens dem Spielen unterordnet. Wenn er Freunde und Familie vernachlässigt, in der Schule, bei der Ausbildung oder im Job die Leistung abnimmt oder sich das Spielen sogar auf das Schlafen und die Ernährung auswirkt.

Schon länger diskutierten die 194 Mitgliedsstaaten der WHO darüber, die Computer- und Onlinespielsucht in den weltweiten Katalog der Gesundheitsstörungen aufzunehmen. Das überarbeitetete Verzeichnis soll auf der zur Zeit in Genf tagenden Weltgesundheitsversammlung beschlossen werden. Die Computerspielsucht wird darin erstmals als eigene Krankheit anerkannt.

Mit den Folgen der Sucht umgehen

Bereits im letzten Jahr erklärte WHO-Experte Vladimir Poznyak: Der Hauptgrund dafür seien nicht nur die vorliegenden wissenschaftlichen Beweise, sondern auch der Behandlungsbedarf und die Forderung der Mediziner nach einer Anerkennung, erklärt Poznyak. Die Ärzte hofften dadurch, dass die Forschung verstärkt wird, dass vorbeugende Maßnahmen durchgeführt werden können und dass man sich mehr mit den gesundheitlichen Folgen dieser Sucht befasst.

Etwa 560.000 Deutsche gelten als internetabhänig. Ein Teil von ihnen sind Gamer, die Schwierigkeiten haben, ihr Spiel zu kontrollieren. Für sie und ihre Angehörigen sei die Anerkennung der Krankheit ein hilfreicher Schritt, meint die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler.

Gamescom

Etwa 560.000 Deutsche gelten als internetabhängig, viele sind Gamer. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mortler, hofft, dass die Anerkennung der Krankheit ein hilfreicher Schritt ist.

Spahn: Krankenkassen zahlen Behandlung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geht davon aus, dass sich für die Therapie der Süchtigen nun viel ändert: Wenn die Onlinespielsucht in einem amtlichen, internationalen Verzeichnis der Erkrankungen sei, dann hieße das automatisch, dass eine entsprechende Behandlung in Deutschland möglich sei, so Spahn. Und dass diese Krankheit durch die gesetzlichen Krankenkassen finanziert würde, dass den Menschen direkt geholfen werden könne.

Aber nicht Online-Spiele generell verteufeln

Die Aufnahme von Video- und Onlinespielsucht in den weltweiten Krankheitenkatalog war nicht unumstritten. So fürchtete die Gaming-Industrie, dass Menschen, die viel spielen, plötzlich als therapiebedürftig eingestuft werden könnten. Und sogar Gesundheitsexperten warnen davor, die Online-Spiele grundsätzlich zu verteufeln. Spieler könnten auch einiges lernen - etwa strategisches Denken oder die Zusammenarbeit in der Gruppe. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Mai 2019 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Leaaa 20.05.2019 • 23:41 Uhr

@silverfuxx 22:08

Im ICD-11 (dem Klassifikationsmanual der WHO) wird es auf jeden Fall klarere Kriterien geben, als hier dargestellt. Im amerikanischen System, dem DSM 5 ist "Internet Gaming Disorder"schon länger eine (Forschungs-) Diagnose. Hier gibt es neun Kriterien, von denen für eine Diagnose mindestens fünf zwölf Monate lang bestehen müssen. 1.Übermäßige gedankliche Beschäftigung 2.Entzugserscheinungen, 3.Toleranzentwicklung 4.gescheiterte Versuche, mit dem Spielen längerfristig aufzuhören 5.Verlust aller anderen Interessen 6.exzessive Nutzung trotz sozialer Probleme, 7.Lügen/Täuschen, wie viel man spielt 8.Emotionale Ausbrüche, wenn man vom Spielen abgehalten wird 9. Gefährdung wichtiger sozialer Beziehungen, des Jobs/Ausbildung durch das Spielen Zwar wird ein leidenschaftlicher Gamer hier eventuell auch mal zwei drei Kriterien erfüllen, nicht aber die fünf über 12 Monate am Stück. Wird im ICD 11 sicher etwas anders, aber im Großen und Ganzen vergleichbar aussehen.