Auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck steht am 06.09.1972 das Wrack eines Hubschraubers vom Bundesgrenzschutz

Geheim-Dokumente zum Olympia-Attentat veröffentlicht Vorwürfe vom Mossad gegen deutsche Behörden

Stand: 05.09.2012 00:56 Uhr

Bei dem Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft starben 1972 elf Sportler und ein Polizist. 40 Jahre nach dem Überfall in München hat das israelische Staatsarchiv nun bislang geheim gehaltene Akten veröffentlicht. In ihnen übt der Mossad scharfe Kritik an den deutschen Behörden.

Sebastian Engelbrecht ARD-Studio Tel Aviv

Von Sebastian Engelbrecht, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

Das israelische Staatsarchiv veröffentlichte ein Protokoll mit Aussagen von Zvi Zamir, dem früheren Chef des israelischen Auslands-Geheimdienstes Mossad. Die israelische Regierung hatte Zamir nach München geschickt. Er sollte beobachten, wie die deutschen Behörden versuchten, die elf israelischen Geiseln zu befreien.

Zamir berichtete dem israelischen Kabinett später von der Gleichgültigkeit der deutschen Behörden und von einem Mangel an Professionalität. Sie seien nicht das geringste Risiko eingegangen, um Menschenleben zu retten - weder das Leben der israelischen Sportler noch das der deutschen Sicherheitskräfte. Zamir beklagte, die deutschen Scharfschützen der Polizei hätten Revolver, keine Gewehre gehabt.

Ilana Romano reagierte nach der Veröffentlichung empört. Sie ist die Witwe des israelischen Gewichthebers Josef Romano, der beim Befreiungsversuch in Fürstenfeldbruck ums Leben kam: "Das waren in ihren Augen einfach elf weitere Juden. Das hat sie einfach nicht interessiert. Sie wollten eine fröhliche Olympiade zeigen. Die Tragödie in München hat sie einen feuchten Kehricht interessiert."

Keine Unterbrechung wegen des Fernsehprogramms?

Im israelischen Staatsarchiv fand sich auch ein Telegramm des israelischen Konsuls in München an das Außenministerium in Jerusalem. Daraus geht hervor, dass sich das Internationale Olympische Komitee und das deutsche Nationalkomitee geeinigt hatten, die Spiele trotz der Entführung fortzusetzen. Als Grund gaben sie unter anderem an, das deutsche Fernsehen hätte im Falle einer Unterbrechung der Spiele nichts zu senden.

Demonstranten fordern einen Abbruch der Olympischen Spiele (Archivbild von 1972)

Demonstranten forderten nach dem Attentat einen Abbruch der Olympischen Spiele. Doch die Sportveranstaltungen wurden fortgesetzt.

Diese Begründung ist für Ilana Romano noch heute ein Schlag ins Gesicht: "Wenn sie gesagt hätten, dass sie die Spiele nicht unterbrechen wollen, weil sie den Terror nicht gewinnen lassen wollen, um dem Terror nicht nachzugeben - das wäre akzeptabel gewesen. Aber zu sagen, dass sie kein alternatives Fernsehprogramm haben, das ist einfach eine Schande!"

Auch israelische Botschaft in Bonn machte Fehler

Aber auch die israelischen Behörden waren indirekt an dem Desaster von München beteiligt. In einem regierungsinternen staatlichen Untersuchungsbericht hieß es, vor allem die israelische Botschaft in Bonn sei "verantwortlich für das Fiasko". Der Sicherheitsoffizier der Botschaft hätte Anweisungen geben müssen, die israelische Olympiamannschaft effektiv zu bewachen. Er hätte von den deutschen Behörden ein Sicherheitskonzept für die Israelis einfordern müssen, heißt es in dem bisher geheim gehaltenen Regierungspapier.

Auch der Journalist und Geheimdienstexperte Yossi Melman fand Überraschendes in den Akten: "Zwei Dinge haben mich überrascht: Erstens, dass es Hinweise auf das Attentat gab, wenn auch keine konkreten - und zwar zehn Tage vor dem Anschlag. Und am 30. August 1972 kommt eine Kommission aller israelischen Geheimdienste zusammen und beschließt, dass diese Hinweise nicht auf einen möglichen Angriff hindeuten. Und vor diesem Hintergrund - und das ist die größte Überraschung - werden auch keinerlei Anstrengungen unternommen, die israelische Mannschaft zu schützen."

Mit den Archivfunden ist aber noch nicht alles ans Licht gekommen. Einige Dokumente wurden nicht vollständig veröffentlicht. Die Texte unterliegen weiterhin der Zensur.