Österreichisches Parlament in WIen | Bildquelle: dpa

Parlamentswahl in Österreich Knappes Rennen um Platz zwei

Stand: 16.10.2017 14:40 Uhr

Nach dem klaren Sieg der konservativen ÖVP bei der österreichischen Parlamentswahl ist weiter unklar, wer zweitstärkste Kraft geworden ist. Aller Voraussicht nach wird Sebastian Kurz neuer Kanzler und kann sich den Partner nun aussuchen - die Sozialdemokraten oder die FPÖ.

Nach der Parlamentswahl steht das offizielle Ergebnis noch aus. Offen ist nach wie vor, ob die sozialdemokratische SPÖ des bisherigen Kanzlers Christian Kern oder die rechtspopulistische FPÖ auf den zweiten Platz kommt. Zurzeit werden die sogenannten Wahlkarten, die unter anderem bei der Briefwahl zum Einsatz kommen, ausgezählt.

Nach einer Hochrechnung des Sora-Instituts, die eine Schätzung für die Briefwahlstimmen berücksichtigt, hat die SPÖ leicht die Nase vorn. Aber auch für kleinere Parteien wie die Grünen könnten die fast 890.000 Wahlkarten die Wende bringen, ob es für einen Verbleib im Nationalrat reicht.

Junge haben rechts gewählt

Laut Hochrechnung nach Auszählung aller Stimmen - in der auch Schätzungen für die Briefwahl berücksichtigt sind - erhielt die ÖVP 31,6 Prozent. Die SPÖ liegt kommt demnach auf 26,9 und die FPÖ auf 26 Prozent. Die Grünen verfehlen mit 3,9 Prozent bisher knapp die Vier-Prozent-Hürde und wären damit nicht mehr im Parlament. Der ehemalige Grüne Peter Pilz, der erstmals mit einer eigenen Liste antrat, schafft mit 4,3 Prozent auf Anhieb den Einzug. Die liberalen Neos kommen der Erhebung zufolge auf 5,1 Prozent.

Bei den Jungwählern liegt die FPÖ klar vorn. Laut einer Analyse des Instituts Sora zum Wahlverhalten stimmten 30 Prozent der Jungwähler für die Rechtspopulisten.

Der überwiegende Teil der Wahlkarten soll am Abend ausgezählt sein. Der Rest folgt am Donnerstag. Erst danach wird das endgültige Ergebnis feststehen. Traditionell schneidet die FPÖ bei den Briefwahlstimmen schwächer ab.

Ein rasanter Aufstieg

Sebastian Kurz hatte im Frühjahr nach einem harten innerparteilichen Kampf den Vorsitz der ÖVP übernommen und die Partei danach ganz auf sich ausgerichtet. Im Wahlkampf rückte der Titel "Liste Kurz" noch vor das Kürzel ÖVP. Kurz setzte in den vergangenen Monaten ganz auf das Thema Flüchtlinge, warb für eine Begrenzung der Migration und der Leistungen für Zuwanderer.

Drum prüfe, wer sich für fünf Jahre bindet

Theoretisch könnte Kurz jetzt versuchen, mit der FPÖ eine Koalition zu bilden. Dies gilt aber als unwahrscheinlich - Kern selbst hatte im Wahlkampf angekündigt, bei einer Niederlage werde seine Partei in die Opposition gehen. Eine Neuauflage der Großen Koalition unter umgekehrten Vorzeichen galt bis zum Wahlabend als unwahrscheinlich - beide Parteien waren einander in elf Jahren erkennbar überdrüssig geworden.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat Kurz nach seinem Wahlsieg zur Bildung einer proeuropäischen Regierung ermahnt. "In Kürze wird Österreich als Ratsvorsitz eine herausragende Rolle in der Europäischen Union spielen", schrieb Juncker in einem Brief an Kurz. "Unter der Verantwortung Österreichs werden eine Reihe von wichtigen Entscheidungen für die Zukunft der EU auf den Weg gebracht werden."

Österreichs Sozialdemokraten sind nach den Worten ihres Vorsitzenden Christian Kern bereit für Koalitionsgespräche mit dem Wahlsieger ÖVP und der rechten FPÖ. Unterstützung erhielt Kanzler Kern am Montag vor Beginn einer SPÖ-Präsidiumssitzung von Gewerkschaften und Bundesländern.

Sebastian Kurz winkt Anhängern zu | Bildquelle: dpa
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Sebastian Kurz wird aller Voraussicht nach neuer Bundeskanzler Österreichs - mit gerade einmal 31 Jahren.

"Wahlausgang in Österreich kein Vorbild"

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Wahlsieger Kurz für seinen modernen Wahlkampf und die energische Modernisierung seiner Partei gelobt. Die konservative ÖVP sei nach vielen Jahren wieder zur stärksten Kraft im Land geworden, was vor allem Kurz zu verdanken sei.

"Ich finde die politische Zusammensetzung jetzt nicht so, dass ich sie mir für Deutschland als nachahmenswert vorstelle", sagte sie mit Blick auf die rechtspopulistische FPÖ.

Verschiedene Hochrechnungen

Die Hochrechnung des ORF berücksichtigt auch Schätzungen für die Briefwahl. Berücksichtigt man nur die heute in den Wahllokalen abgegebenen Stimmen, ergibt sich ein leicht anderes Bild. Hier wird die FPÖ zweitstärkste Partei vor der SPÖ. Die Zahlen im Einzelnen:

ÖVP: 31,36 %
FPÖ: 27,35 %
SPÖ: 26,75 %
Neos: 4,96 %
Pilz: 4,14 %
Grüne: 3,32 %

Quelle: ORF

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. Oktober 2017 um 22:50 Uhr und das ARD-Morgenmagazin am 16. Oktober 2017 um 05:42 Uhr und 06:43 Uhr.

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