Österreichs Bundeskanzler Kurz im Kleinwalsertal | Bildquelle: AFP

Kritik an Österreichs Kanzler Zu nah am Volk

Stand: 15.05.2020 18:12 Uhr

Ein Bad in der Menge und das zu Corona-Zeiten? Österreichs Kanzler Kurz musste nach einem Besuch im Kleinwalsertal viel Spott und Kritik einstecken. Jetzt rechtfertigte er sich.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Wien

Das Kleinwalsertal gehört zu Österreich, ist aber nur von Deutschland aus zu erreichen. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz würdigte es Mitte der Woche mit seinem ersten Auswärtstermin seit rund zehn Wochen.

Die Bilder zeigen Sebastian Kurz im Kontakt mit hocherfreuten Bewohnern, die einander und ihm viel zu nahekommen. Viele ohne Mund und Nasenschutz. Die Bitte von Kurz nach Abstand wurde von Bewohnern des Kleinwalsertals teils mit Gelächter quittiert.

Sebastian Kurz in Mittelberg | Bildquelle: AFP
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Die Bilder zeigen Sebastian Kurz im Kontakt mit hocherfreuten Bewohnern, die einander und ihm viel zu nahekommen.

"Die Leute sind wirklich angefressen"

Ein Sturm der Entrüstung brach los. Denn nach wie vor gilt im öffentlichen Raum im Freien ein Corona-Mindestabstand von einem Meter. Der Kanzler-Auftritt im Kleinwalstertal sei den Bürgern nur schwer zu vermitteln, schäumte Beate Meinl- Reisinger, Chefin der kleinen Oppositionspartei Neos:

"Ich kann es nicht nachvollziehen und ich kann Ihnen auch sagen. Die Leute sind wirklich angefressen", erklärte sie.

Die Neos wollen nun eine Anzeige prüfen. Es könne nicht sein, dass der Kanzler die Regeln nicht einhalte. Viele in den vergangenen Wochen hätten 500 Euro zahlen müssen, weil sie auf einer Parkbank gesessen hätten.

Der Fraktionschef der rechten FPÖ, Herbert Kickl, befand, der Kanzler sei ein Lebensgefährder, der eigene Vorgaben ignoriere. Die Chefin der Sozialdemokraten Pamela Rendi-Wagner kündigte parlamentarische Anfragen an. "Da wurde, glaube ich, einiges an Regeln übertreten."

Kurz: Unerwartet und nicht planbar

Kurz bezog am Donnerstagabend im ORF Stellung zu den Vorwürfen: "Für uns war das eine sehr unerwartete und nicht einfache Situation", sagte er.

Die Menschen im Kleinwalsertal seien praktisch von der Außenwelt abgeschottet gewesen. So habe man sich entschieden, dort Gemeindevertreter zu treffen. Es sei keine öffentliche Veranstaltung gewesen, betonte Kurz. Aber gewisse Dinge könne man nicht planen. Kurz sagte weiter:

"Als wir angekommen sind, gab es eine große Traube an Journalisten. Ich habe mehrfach versucht, die Journalisten auch aufzufordern, den notwendigen Sicherheitsabstand einzuhalten. Und als wir dann weiter vorgefahren sind und ins Gemeindeamt hineingehen wollten, da sind da Dutzende Menschen auf die Straße gekommen. Wir haben mehrfach uns bemüht, darauf hinzuweisen, und die meisten Menschen haben auch den Abstand zu mir eingehalten. Aber sie haben halt untereinander oftmals den Abstand nicht eingehalten."

Video zieht Kurz' Rechtfertigung in Zweifel

Auf den Aufnahmen eines Reporters des Bayerischen Rundfunks ist zu sehen, wie die Wagenkolonne des österreichischen Kanzlers Sebastian Kurz vor dem Zentrum von Mittelberg stoppt, wo es zu dem Menschenauflauf gekommen war. Kurz geht zunächst alleine in Richtung Ortszentrum, er wendet sich zum Straßenrand hin und geht auf die dort wartenden Leute zu. Kurz hatte von einer "unerwarteten" und "nicht einfachen" Situation gesprochen, die nicht geplant gewesen sei, was durch das Video in Zweifel gezogen wird. Die Gemeinde habe angekündigt, dass es sich um eine nicht-öffentliche Veranstaltung gehandelt habe und keine Treffen mit den Bürgern geplant gewesen seien. Warum Kurz dennoch das Treffen mit den Bürgern suchte, ist unklar.

Kritik gelöscht

Nach wochenlanger de facto Quarantäne hätten sich die Menschen über die Erleichterungen gefreut, erklärte Andi Haid, Bürgermeister der Gemeinde Mittelberg im Kleinwalsertal, das viel zu enge Zusammenstehen: "So kam es dann zu Situationen, in denen die Abstände nicht eingehalten werden konnten."

Doch die Gemeinde hatte im Vorfeld informiert, man würde sich beim Kanzlerbesuch über Bekundungen und Flaggen an den Häusern freuen. Nach Kritik daran verschwand diese Aufforderung wieder aus dem Netz. Dafür kursieren dort nun Spott und Häme. Jemand kombinierte die Bilder von Kurz im Kleinwalstertal mit einer Mahnung von Innenminister Karl Nehammer, die Corona-Regeln zu beachten.

Politikberater konstatiert PR-Fehler

Auch das Kanzleramt hatte die Bilder vom kritisierten Coronabad in der Menge verbreitet. Ein Stab kontrolliert dort die mediale Wirkung des Kanzlers. Der Wiener Politikbeobachter Thomas Hofer ist deshalb erstaunt:

"Das was da passiert ist, war ein schwerer und für Sebastian Kurz sehr, sehr ungewöhnlicher PR-Fehltritt."

Das Kanzleramt will nun ein neues Konzept für weitere Besuchsreisen erarbeiten. Soviel schon mal vorweg: Auch auf der Straße sei der Mindestabstand einzuhalten - egal, ob man den Kanzler treffe oder einen Freund.  

Kritik an Besuch von Österreichs Kanzler Kurz im Kleinwalsertal
Andrea Beer, ARD Wien
15.05.2020 13:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Hörfunk am 15. Mai 2020 um 19:51 Uhr.

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