Stühle und Scherben liegen im Bereich des Tatorts einer Terror-Attacke vor einem Restaurant auf dem Boden.  | Bildquelle: dpa

Anschlag in Wien Was bislang bekannt ist - und was nicht

Stand: 03.11.2020 19:42 Uhr

Nach der Terrorattacke in Wien gestern Abend werden immer mehr Einzelheiten öffentlich. Der Attentäter war ein vorbestrafter junger Mann. Die Anzahl der Verletzten wurde korrigiert. Was ist bekannt, was nicht?

Wann fielen die ersten Schüsse?

Nach 20.00 Uhr ging am Montagabend bei der Notrufzentrale der erste Hinweis ein, dass in der Wiener Innenstadt ein Mann mit einer Schrotflinte schieße. Die Polizei schickte daraufhin Einsatzkräfte in den 1. Bezirk.

Wo ereignete sich der Anschlag?

Die ersten Schüsse wurden nach Angaben der Polizei in der Seitenstettengasse abgegeben, einer belebten Straße im Zentrum. Dort befindet sich auch die Wiener Hauptsynagoge. Der Täter schoss nach Augenzeugenberichten wahllos in die Menge. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Bürgersteig zusammen. Passanten rannten in Panik davon. Einige hoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie unbewaffnet sind. Insgesamt gab es sechs Tatorte, die alle in der Nähe der Seitenstettengasse liegen: der Morzinplatz, der Fleischmarkt, der Bauernmarkt, der Graben und das Salzgries.

Wie viele Opfer gab es?

Bislang starben bei dem Anschlag fünf Menschen: ein älterer Mann, eine ältere Frau, ein junger Passant und eine Kellnerin. Der Attentäter wurde von der Polizei erschossen. Nach Angaben von Innenminister Karl Nehammer habe es neun Minuten gedauert, bis der Täter "ausgeschaltet" wurde. Er soll noch viel Munition bei sich gehabt haben.

Wie das Auswärtige Amt bestätigte, ist eines der weiblichen Todesopfer eine Deutsche.

Die Anzahl der Verletzten wird inzwischen mit 22 angegeben. Einige sollen sich in einem lebensbedrohlichen Zustand befinden.

Wer war der Täter?

Nach Angaben von Innenminister Nehammer war der Täter ein 20-jähriger Mann, der einen österreichischen und nordmazedonischen Pass besaß. Sein Name wurde mit Kujtim F. angegeben.

Der Attentäter habe 2018 nach Syrien reisen wollen, um sich dort der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) anzuschließen. Nach Informationen von NDR, WDR und "SZ" hatte er dabei Kontakt zu deutschen Islamisten. Während der versuchten Reise nach Syrien war er in der Türkei mehrere Tage in einem Haus untergekommen, in dem sich auch zwei deutsche und ein belgischer IS-Anhänger aufhielten. Dies geht aus dem Urteil des Wiener Landgerichts vom April 2019 hervor.

Karl Nehammer, Innenminister von Österreich | Bildquelle: dpa
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Minister Nehammer informierte am Nachmittag über den Ermittlungsstand.

Allerdings sei F. an der Weiterreise gehindert und im April 2019 in Österreich wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt worden. Im Dezember sei F. "vorzeitig bedingt entlassen" worden. Zuvor absolvierte er nach Angaben des österreichischen Innenministers ein Deradikalisierungprogramm, um eine vorzeitige Haftentlassung zu erreichen. Der junge Mann habe die Behörden getäuscht.

Bei dem Anschlag sei der Attentäter mit einem Sturmgewehr, einer abgesägten Kalaschnikow, einer Handfeuerwaffe sowie mit einer Machete bewaffnet gewesen und habe die Attrappe eines Sprengstoffgürtels getragen, sagte Österreichs Innenminister.

Im Sommer war der 20-Jährige in die Slowakei gereist, um dort Munition zu kaufen. Dies bestätigten zwei Quellen dem Rechercheverbund von NDR, WDR und "SZ". Österreichischen Sicherheitsbehörden war dies offenbar bekannt. Weshalb anschließend nichts unternommen wurde ist unklar.

Gibt es mehr als einen Täter?

Nach derzeitigem Ermittlungsstand gibt es keine Hinweise auf einen zweiten oder sogar noch mehr Täter. Nehammer bezog sich dabei auch auf etwa 20.000 Videos, die von Bürgerinnen und Bürgern nach der Tat den Behörden zur Verfügung gestellt wurden. Die Auswertung ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

Die erhöhte Sicherheitswarnung soll laut Innenministerium vorerst aufrecht erhalten bleiben. Damit solle eine Wiederholung und Nachahmung des Terrorangriffs verhindert werden. Die Hinweise auf einen Einzeltäter würden sich verdichten, es gelte aktuell aber, Trittbrettfahrer abzuhalten, betonte der Wiener Landespolizeipräsident Gerhard Pürstl.

Wie weit sind die Ermittlungen?

Bereits in der Nacht durchsuchte die Polizei die Wohnung des Attentäters und nahm mehrere Personen fest. "Es gab 18 Hausdurchsuchungen in Wien und Niederösterreich, und 14 Personen wurden vorläufig festgenommen", sagte Innenminister Nehammer bei einer Pressekonferenz.

In der Schweiz wurden zwei Männer festgenommen, die möglicherweise mit dem Attentäter von Wien in Verbindung standen. Der 18- und der 24-Jährige aus Winterthur gerieten laut Kantonspolizei Zürich in den Fokus, als die Polizei mögliche Verbindungen der Taten in Wien in die Schweiz prüfte. Weitere Angaben wurden nicht gemacht.

Offen ist, wie er sich die Waffen besorgen konnte. Es ist auch ungeklärt, ob die Sicherheitsbehörden den 20-Jährigen nach seiner vorzeitigen Haftentlassung weiter beobachtet hatten. Innenminister Nehammer sagte lediglich, dass sich F. während seiner Bewährungszeit frei bewegen konnte.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (mi.) nimmt mit weiteren Regierungsmitgliedern an einer Kranzniederlegung am Tatort nach dem Terroranschlag teil. | Bildquelle: dpa
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Trauer und Bestürzung in Wien: Bundeskanzler Kurz (mi.) nimmt mit weiteren Regierungsmitgliedern an einer Kranzniederlegung an einem der Tatorte teil.

Gibt es Hinweise zum Motiv?

Bundeskanzler Sebastian Kurz beschrieb den Anschlag am Mittag als eindeutig islamistisch motiviert. Innenminister Nehammer erklärte, das Ziel des Täter sei es gewesen, im gut besuchten Ausgehviertel Panik zu verbreiten. Das würde bedeuten, dass die nahe gelegene Synagoge kein Ziel des Täters war.

Einen Tag nach dem Angriff reklamierte die Terrororganisation "Islamischer Staat" die Tat für sich. Ein "Soldat des Kalifats" sei für die Schüsse in der Nähe einer Synagoge verantwortlich, hieß es in einer via Telegram veröffentlichten Erklärung. Das IS-Propagandaorgan Amaq veröffentlichte ein Foto des bewaffneten Angreifers. Dies sind aber keine eindeutigen Beweise.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, waren gestern sowohl die Synagoge als auch das Bürogebäude an derselben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen. Vorsichtshalber bleiben nach seinen Worten vorübergehend alle Synagogen, jüdischen Schulen und Institutionen der Religionsgemeinschaft sowie koschere Restaurants und Supermärkte geschlossen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. November 2020 um 10:00 Uhr.

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