Christian Kern

Möglicher Kanzlernachfolger in Österreich Ein Sozialist im Nadelstreif

Stand: 12.05.2016 15:13 Uhr

Vom Bahnchef zum Bundeskanzler: Christian Kern wird höchstwahrscheinlich auf den zurückgetretenen österreichischen Kanzler Faymann folgen. Doch wer ist Christian Kern eigentlich?

Von Rupert Waldmüller, ARD-Studio Wien

Ambitioniert, ehrgeizig, pragmatisch, modern - mit diesen Worten wird ÖBB-Chef Christian Kern häufig beschrieben. Aufgewachsen ist der 50-Jährige im Wiener Arbeiterbezirk Simmering. Der Vater war Elektroinstallateur, die Mutter Sekretärin. Kern war schon früh politisch aktiv, studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften, arbeitete kurze Zeit als Wirtschaftsjournalist.

1991 startete er seine politische Karriere in der SPÖ: zunächst als Assistent von Staatssekretär Peter Kostelka, und ab 1994 für drei Jahre als Büroleiter und Pressesprecher des SPÖ-Fraktionsvorsitzenden. "Aber nachdem man nicht ewig in der Politik bleiben sollte - meine ich jedenfalls - habe ich mir einen anderen Job gesucht, habe quasi als siebenter Zwerg von links in einem großen Energieunternehmen begonnen", erzählte Kern, "bin dann schließlich im Vorstand dieses Unternehmens auch gewesen, um dann letztlich 2010 zur ÖBB zu wechseln."

Bahn aus der Krise geführt

Den Job als Chef der österreichischen Bundesbahnen trat Kern mit einem klaren Ziel an: Den finanziell angeschlagenen Staatskonzern mit seinem ramponierten Image grundlegend umzukrempeln. Kern führte die ÖBB aus der Verlustzone heraus und möbelte ihr Ansehen kräftig auf.

In der Flüchtlingskrise vergangenen Herbst wurde der einst so schwerfällige Staatskonzern dann sogar zum schnellen und unbürokratischen Helfer für Zehntausende Flüchtlinge. "In dieser Situation muss man das pragmatisch lösen", sagte Kern im September 2015 am Westbahnhof in Wien. "Die Menschen, die hier ankommen, haben gerade mal das Nötigste. Ich denke, es ist eine sinnvolle und weise Vorgehensweise, hier bei der Ticketkontrolle ein Auge zuzudrücken."

Macher in der Flüchtlingskrise

Christian Kern positionierte sich in der Flüchtlingskrise als Macher, wurde von den einen dafür als Kopf einer professionellen Schlepperbande kritisiert, für die anderen dadurch aber zum "Kanzler der Herzen". Schon lange wurde er als möglicher Kandidat für einen Neuanfang in der SPÖ gehandelt.

Christian Kern
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Christian Kern galt schon lange als Kandidat für einen Neustart in der SPÖ.

Einen Wechsel zurück in die Politik hatte Kern aber bis zu Faymanns Rücktritt immer ausgeschlossen. "Wir haben einen Bundeskanzler, der in einer schwierigen Zeit das Land führt", sagte er. "Ich sehe hier keine Notwendigkeit, eine Debatte zu führen, und was ich festhalten kann: Mir macht das große Freude, hier zu sein. Ich bin dankbar, dass ich diese Aufgabe habe und ich habe vor, sie noch länger auszuführen."

Smarter Manager mit perfekt sitzenden Anzügen

Nun ist Bundeskanzler Werner Faymann aber Geschichte und Christian Kern wohl bald neuer Partei- und Regierungschef. Alexandra Föderl-Schmidt, Chefredakteurin der liberalen Tageszeitung "Der Standard", hält den ÖBB-Manager durchaus für einen geeigneten Kandidaten. "Er ist auch ein Mann, der mit den Gewerkschaften ganz gut kann, tritt aber persönlich relativ arrogant auf", sagte sie. "Das wird ihm auf der anderen Seite dann wieder vorgehalten - also Sozialist im Nadelstreif - er ist aber ein Machertyp. Und das kann in der jetzigen Situation eben sehr positiv sein."

Der smarte Manager mit den immer perfekt sitzenden Anzügen soll nun also die einst so stolze Arbeiterpartei SPÖ und damit ganz Österreich aus der Regierungskrise führen. Manche Genossen hoffen auch darauf, dass er zum SPÖ-Gegenstück zum beliebten und ebenso smarten Außenminister Sebastian Kurz vom Koalitionspartner ÖVP werden könnte.

Hohe Erwartungen

ÖVP-Chef und Interims-Kanzler Reinhold Mitterlehner zeigte sich im Vorfeld von Kerns Nominierung prompt skeptisch, ob ein Quereinsteiger der Aufgabe als Regierungschef gewachsen sei. Die Replik dazu kam postwendend vom steirischen SPÖ-Chef Michael Schickhofer: "Christian Kern zeichnet sich durch Leadership, Professionalität und Teamfähigkeit aus. Also ich glaube, die ÖVP kann glücklich sein, wenn sie Christian Kern als Bundeskanzler mitwählen darf."

Die Erwartungen an den möglichen neuen Kanzler sind also hoch. Ob Christian Kern sie auch erfüllt, wird sich zeigen.

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