Einsatzkräfte versuchen in Norilsk mit schwimmenden Barrieren Öl aus dem Wasser zu fischen. | Transneft PJSC HANDOUT/EPA-EFE/S

Öl-Pest bei Norilsk Es geht um mehr als um ein Leck im Tank

Stand: 10.06.2020 09:54 Uhr

Knapp 700 Experten sind im Einsatz, um die Folgen der verheerenden Ölkatastrophe bei Norilsk einzudämmen. Sie arbeiten rund um die Uhr. In zwei Wochen soll das Schlimmste überstanden sein. Umweltschützer sind skeptisch.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Noch am Freitag hatte der Katastrophenschutzminister gegenüber Präsident Wladimir Putin verkündet, dass alles unter Kontrolle sei. Es sei gelungen, das Öl mit Hilfe schwimmender Barrieren zu stoppen. 

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Mittlerweile mussten die Behörden zugeben, dass Spuren des Brennstoffes auch im Pjassinosee nachgewiesen wurden. Einem Gewässer, das hinter den Barrieren liegt.  

Greenpeace: Barrieren nicht ausreichend

Für Iwan Blokow von Greenpeace ist das keine Überraschung: Die Barrieren im Fluss Ambarnaja  seien erst Tage nach dem Unglück und damit viel zu spät errichtet worden. Außerdem würden sie in erster Linie den Ölfleck auf der Wasseroberfläche begrenzen.  

Das dämmt aber weder die Verseuchung der Ufer ein, noch stoppt es die Zersetzung des Öls im Wasser. Es verhindert weder das Absinken der Partikel auf den Grund noch die Auswirkungen auf die im Wasser lebenden Organismen. Die hätten angesichts der hohen Schadstoffkonzentration im Wasser keine Chance zu überleben, sagt sein Kollege Wassilij Jablokow: "In diesem Fluss, im Pjassinosee und im Pjassinafluss ist das gesamte Ökosystem stark betroffen."

Wie weit sich das Öl bereits im Fluss Pjassina weiterverbreitet hat, darüber können die Umweltschützer nur spekulieren. Sie bemängeln, dass die Behörden nur wenige und meist bereits veraltete Informationen preisgeben.

Der Fluss Pjassina ist nicht nur für die Wasserversorgung der Halbinsel wichtig, er führt auch weiter zur Karasee - und damit zum großen Schutzgebiet der Arktis.

Zwei Wochen werden kaum reichen

"Im Allgemeinen gibt es viel mehr Fragen als Antworten", meint Greenpeace-Mitarbeiter Blokow. Das gelte auch für die Aufräumarbeiten in der Nähe des Unglücksortes. Hunderte Helfer versuchen hier mit Spezialgerät, so viel kontaminiertes Wasser und verschmutzten Boden wie möglich abzutragen.

Eine wichtige und richtige Arbeit, die allerdings nicht nur zwei, sondern viele Wochen dauern werde, meint Blokows Kollege Jablokow: "Notwendig sind auch Instandsetzungsmaßnahmen, die Reinigung der Ufer, des Grundes der Flüsse und Seen."

Die Natur werde Jahrzehnte brauchen, um sich von der Katastrophe zu erholen, bei der durch ein Leck in einem Tank mehr als 20.000 Tonnen Öl ausgetreten waren.

Weiterer Vorfall zeugt von grundsätzlichem Problem

Inzwischen wurde ein weiteres, wenn auch kleineres Öl-Unglück weiter im Norden, am Polarmeer bekannt. Aus einem havarierten Bohrloch traten rund zehn Tonnen Öl aus. 

Umweltschützer sehen darin ein Signal. Es gehe nicht nur um einzelne zufällige Unglücke, sondern um ein großes, klimatisch bedingtes Problem: das Auftauen des Permafrostbodens.

Im Nationalen Sicherheitsrat wittert man angesichts dieser Argumentation bereits eine Kampagne gegen die russische Arktis-Politik.

Vielleicht auch deshalb hat der Kreml klargestellt, an seinen Plänen zur Erschließung und Ausbeutung der Arktis festhalten zu wollen. Dies sei wichtig für die Wirtschaft, hieß es. Allerdings will Regierungschef Michail Mischustin per Gesetz künftig für mehr Sicherheitskontrollen bei den Unternehmen vor Ort sorgen.

Über dieses Thema berichtete am 10. Juni 2020 die tagesschau um 05:30 Uhr und Deutschlandfunk um 06:16 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".