Eine Tankstelle in der venezolanischen Hauptstadt Caracas hat dichtgemacht: Im ölreichsten Land der Welt wird das Benzin knapp. | Bildquelle: RAUL MARTINEZ/EPA-EFE/REX

Krise in Südamerika Die Ölquellen sind versiegt

Stand: 09.10.2019 09:55 Uhr

Jahrelang hingen kleine Karibikstaaten am Öl-Tropf Venezuelas. Doch mit den Lieferungen des venezolanischen Programms zum Vorzugspreis ist Schluss. "Petrocaribe" ist tot und zieht andere in den Abgrund.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Kuba geht das Benzin aus: In der Landwirtschaft ersetzen Ochsen Motoren, kilometerlang sind seit einigen Wochen die Schlangen vor den Tankstellen. Eine Frau wartet schon seit Stunden: "Es sind schwierige Tage", sagte sie, "die Leute sind nervös, weil es kaum noch Transportmöglichkeiten gibt. Wir versuchen Lösungen zu finden, aber es wird jeden Tag schwieriger". 

Autoschlange an Tankstelle in Havanna | Bildquelle: REUTERS
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Wegen des Benzinmangels stauen sich die Autos vor den Tankstellen in Kuba.

Ein Grund für die sich verschlechternde Versorgungslage sind US-Sanktionen gegen Venezuela: Sie drohen allen Schiffen, die venezolanisches Öl transportieren. Venezuela hat das kommunistisch regierte Kuba und andere Karibikstaaten, die "Petrocaribe" angehören, jahrelang versorgt. In den fetten Jahren, in denen der Ölpreis hoch war, gründete Venezuelas sozialistische Regierung das Bündnis und belieferte 16 befreundete Karibiknachbarn mit Öl - zu günstigen Konditionen.

Alliierte wenden sich von Venezuela ab

Aber "Petrocaribe" ist tot und zieht nicht nur Kuba in den Abgrund. Die Vertragsstaaten müssen sich andere Öllieferanten suchen. Venezuela kann nicht mehr liefern, weil die eigene Erdölproduktion zusammengebrochen ist: von fast dreieinhalb Millionen Barrel am Tag im Jahr 2006 auf nur noch 660.000 Barrel. Schuld sind Misswirtschaft und Korruption in der staatlichen Erdölförderung. Hinzu kommen die US-Sanktionen.

Für Venezuela seien die politischen Auswirkungen schwerwiegend, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Rafael Quiroz von Venezuelas Zentraluniversität. Die Öl-Diplomatie hinge von diesem Rohstoff ab. Das habe dem Land eine Führungsrolle verschafft, aber jetzt wolle niemand mehr Partner eines Landes sein, das so tief in einer Wirtschaftskrise stecke, so der Ökonom. "Ohne Öl haben sich die Alliierten von Venezuela abgewendet. Für sie ist Venezuela ein hochverschuldetes, sanktioniertes Land. Sie wollen nicht riskieren, auch von den US-Sanktionen getroffen zu werden. Venezuela wird immer mehr zum Bösewicht im Film, zum hässlichen Entlein, dem man versucht aus dem Weg zu gehen, sei es in den UN oder auf den Fluren der Organisation Amerikanischer Staaten", sagt Quiroz.

Öl-Lagertanks in Puerto de la Cruz (Venezuela)
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Venezuela kann kein Öl mehr liefern, weil die Erdölproduktion zusammengebrochen ist.

Korrupte Politiker füllten sich die Taschen

Neben Öl-Diplomatie sollte "Petrocaribe" Wachstum in die Region bringen: Einige Staaten, wie Jamaika oder die Dominikanische Republik, investierten in Infrastruktur und Sozialprogramme. Haiti, das ärmste Land der Region, nutzte die Unterstützung aus Venezuela auch für den Wiederaufbau nach dem verheerenden Erdbeben 2010. Allerdings bedienten sich korrupte Politiker aus den "Petrocaribe"-Fonds. Milliarden, die für die bitterarme Bevölkerung vorgesehen waren, verschwanden in ihren Taschen.

Der Ökonom Quiroz meint, wegen der Intransparenz des "Petrocaribe"-Programms habe sich Korruption geradezu aufgedrängt: "'Petrocaribe' hat die Korruption gefördert - sowohl in Venezuela als auch in den Empfängerländern." Die Korruption habe sich ausgebreitet. "Öl bringt das mit sich. Es ist teuflisch. Die Sozialprogramme sind gescheitert. Auch wegen der Inkompetenz der handelnden Personen und wegen der Improvisation", sagt Quiroz. Geblieben sei am Ende nichts.

Nur Kuba wird noch notdürftig versorgt

"Wo ist das Geld geblieben?", rufen Demonstranten in Haiti und fordern den Rücktritt des Präsidenten. Die Korruption im "Petrocaribe"-Programm ist einer der Gründe für die gewalttätigen Antiregierungsproteste, die vor mehr als einem Jahr begannen. Hinzu kommt, dass Benzin knapp und teuer wurde.

Nur Kuba hängt noch am Öl-Tropf - obwohl Venezuela nichts mehr zu verteilen hat und die Produktion nicht einmal für den Eigenbedarf und den Schuldendienst reicht, erhält der ideologisch Verbündete weiterhin kleine Lieferungen. Alle anderen gehen leer aus.

 

Kein Öl mehr aus Venezuela - Eine Krise weitet sich aus
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko City
09.10.2019 10:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. Oktober 2019 um 10:11 Uhr.

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