Untersuchung des Wassers am tschechischen Fluss Becva | imago images/CTK Photo

Chemikalienaustritt in Tschechien "Das war eine unglaubliche Apokalypse"

Stand: 10.12.2020 12:58 Uhr

40 Tonnen Fische starben, als Chemikalien Ende September in den tschechischen Fluss Becva geleitet wurden. Der Verursacher ist immer noch nicht gefunden. Der Umweltminister steht unter Druck.

Von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Oberflächlich sieht die Becva aus wie immer - dieser Fluss in Mähren, der südlich von Olomouc entspringt und sich dann in einem nördlichen Bogen 60 Kilometer nach Osten und dann nach Süden schwingt, bevor er die March erreicht.

Peter Lange ARD-Studio Prag

Am 20. September sah es auf der Becva ganz anders aus. Stanislav Pernicky erinnert sich: "Das war eine unglaubliche Apokalypse, der schlimmste Anblick, den ein Angler überhaupt erleben kann."

Zyanidhaltige Abwässer

An jenem Tag war die Becva mit einem Mal ein toter Fluss. 40 Tonnen verendete Fische haben sie damals herausgeholt, vergiftet vermutlich durch zyanidhaltige Abwässer aus einem unbekannten Industriebetrieb. Den Verursacher vermutete Umweltminister Richard Brabec zunächst auf dem alten Gelände des Elektronikproduzenten Tesla in Roznov pod Radhostem. Dort haben sich 14  Firmen angesiedelt, und von dort führt ein 14 Kilometer langer Kanal zur Becva.

Seltsam nur, dass das Fischsterben schon 3,5 Kilometer flussaufwärts stattfand, meint Jakob Patocka, ehemals Chef der Grünen in Tschechien und Mitbegründer der Umweltorganisation Duha: "Das ist doch wirklich unerklärlich. Sie haben eine hochtoxische Wolke, die sogar drei Kilometer gegen die Strömung wirkt, das macht doch keinen Sinn."

Havarie in Chemieunternehmen?

Sinn macht es allerdings, wenn berücksichtigt wird, dass 3,5 Kilometer flussaufwärts ein zweiter Abwasserkanal liegt. Der führt zu dem Chemieunternehmen DEZA, einer Firma des Agrofert-Konzerns von Ministerpräsident Andrej Babis, in dem Umweltminister Brabec einmal Manager war. Angeblich soll es in der DEZA an dem besagten 20. September eine Havarie gegeben haben.

Patocka sagt: "Wir wissen nicht, wer der Verursacher ist. Was aber wirklich verdächtig ist: Die Behörden tun vom ersten Augenblick alles, um von Babis' Chemiefabrik DEZA jeden Verdacht abzulenken. Das ist es, was uns stutzig macht."

Und dass sich die Behörden bisher weigern, Angaben darüber zu veröffentlichen, wann wo welche Giftstoffe in welcher Konzentration festgestellt wurden. Gibt es einen Komplott, um die Agrofert-Firma aus der Umweltkatastrophe herauszuhalten?

Verdacht auf politischen Hintergrund

Petr Gazdik, Abgeordneter der oppositionellen Bewegung der Bürgermeister und Unabhängigen, verweist auf einen politischen Hintergrund: Die Vergiftung der Becva fand zwei Wochen vor den Regionalwahlen statt.

"Ich glaube nicht, dass Babis persönlich hier verwickelt ist. Aber seine Handlanger, zu denen auch Umweltminister Brabec gehört. Die erledigen das für ihn."

Forderung nach Rücktritt des Umweltministers

Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass es kaum noch Hoffnung gibt, den Verursacher der Katastrophe zu finden.

Gazdik forderte deshalb im Parlament den Rücktritt von Brabec: "Unserer Ansicht nach hat die tschechische Umweltaufsicht in fataler Weise versagt und die Ermittlungen erschwert. Das ist der Grund, warum wir den Umweltminister zum Rücktritt aufgefordert haben."

 "Meinen Fluss sehe ich nicht mehr wieder"

In der Becva haben sie inzwischen Jungfische ausgesetzt, um den Bestand wieder aufzubauen. Stanislav Pernicky, der hier sein Leben lang geangelt hat, kann das nicht trösten. "Ich fürchte, meinen Fluss sehe ich nicht mehr wieder. Wir hatten hier Fische, die waren zehn, 15 Jahre alt. Solche Fische werde ich hier nicht mehr fangen - leider."