Gegenstände und Zelte von Obdachlosen stehen auf dem Bürgersteig. | Bildquelle: REUTERS

Obdachlose Familien in den USA Die Kinder von Skid Row

Stand: 11.06.2019 06:37 Uhr

Steigende Mieten, stagnierende Löhne - darunter leiden in den USA besonders Familien. Immer mehr von ihnen rutschen ab in die Obdachlosigkeit. Sie hausen dann in Vierteln wie Skid Row in Los Angeles.

Von Verena Bünten, ARD-Studio Washington

Wenn Chenelle ihre Kinder Natalya, zehn Jahre, und Cameron, sechs Jahre alt, von der Schule abholt, geht sie zügig, den Blick geradeaus, die Kinder eng bei sich. Die Drei müssen vorbei an Zelten und Plastikplanen auf dem Bürgersteig, und an Menschen, die darin oft sichtbar drogenabhängig oder schwer psychisch krank leben.

Was streckenweise aussieht wie ein Slum ist Skid Row mitten in Los Angeles. Auf engstem Raum leben hier mehr als 4000 Obdachlose, teils in Notunterkünften, teils auf der Straße. Sicher fühlt sich Chenelle erst wieder, wenn sie mit ihren Kindern die Metall-Detektoren der Union Rescue Mission passiert hat - ihr Zuhause auf Zeit.

Notunterkünfte als letzter Ausweg zur Straße

Ihr Zimmer muss sich die Familie mit bis zu zwei weiteren Parteien teilen. Der sechsjährige Cameron wirkt traumatisiert, er drückt sich unter einem der Betten flach auf den Boden. "Das ist sehr belastend für uns alle", erzählt Chenelle, "die Kinder verstehen nicht, warum wir hier sind. Mein Sohn wird jetzt immer so schnell wütend und meine Tochter ist sehr gereizt und verängstigt."

Obdachloser in der Skid Row | Bildquelle: Verena Bünten
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In Skid Row leben mehr als 4000 Wohnungslose auf engstem Raum.

Chenelle und ihre Kinder Cameron und Natalya | Bildquelle: Verena Bünten
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"Meine Kinder verstehen nicht, warum wir hier sind": Wie Chenelle und ihren Kindern geht es immer mehr Familien in den USA.

Die alleinerziehende Mutter verlor wegen Krankheit zuerst ihren Job im Sicherheitsdienst und dann ihre Wohnung. Die Familie zog vorübergehend zur Schwiegermutter in ihr Mini-Appartment. Als der Vermieter sich beschwerte, blieb nur noch die Notunterkunft.

All ihre Möbel mussten auf den Müll. Von ihrem Kinderzimmer blieb Natalya nur eine Tasche, darin ein Bilderbuch, Spielfiguren, eine Schatzkiste mit Selbstgebasteltem. "Das ist ein bisschen wie ein Gefängnis hier", sagt die Zehnjährige stockend und versucht, an das Meerschweinchen zu denken, das ihr die Mutter in einem neuen Zuhause versprochen hat.

Matratzen für Familien in Turnhalle und Kapelle

Seit 2008 die Immobilienblase platzte und viele Amerikaner ihre Wohnungen verloren, werden unverhältnismäßig viele Familien obdachlos in den USA. Sie kommen in Wellen zur Union Rescue Mission, der ältesten christlichen Anlaufstelle in Skid Row.

Kitty Davis Walker | Bildquelle: Verena Bünten
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Kitty Davis-Walker von der Mission in Skid Row weiß: "Wir sind der letzte Ausweg".

Erst vor einigen Wochen mussten sie wieder 200 Personen in der Turnhalle unterbringen, sagt Kitty Davis-Walker von der Mission: "Wir sind der letzte Ausweg. Wer hier ankommt, hat meist schon im Auto gelebt, ist bei wechselnden Bekannten untergekommen oder nächtelang mit den Kindern Metro gefahren."

Es sind viele Faktoren, die sie für die wachsende Familienobdachlosigkeit verantwortlich macht: allen voran rapide steigende Mieten bei stagnierenden Löhnen. Dazu kommen immer mehr alleinerziehende Mütter und ein Anstieg bei häuslicher Gewalt.

Die unterschätzte Krise

Mindestens ein Drittel aller US-Obdachlosen sind Familien, sind sich Helfer und Behörden einig. Ansonsten zählen sie unterschiedlich: Laut US-Wohnungsbauministeriums waren bei einer Stichprobe 2017 nur 184.411 Angehörige von Familien mit Kindern obdachlos. Selbst das US-Bildungsministerium hat aber bereits rund 1,4 Millionen obdachlose Schüler im Schuljahr 2016/17 verzeichnet. Hilfsorganisationen sprechen von noch höheren Dunkelziffern.

Police Officer Deon Joseph | Bildquelle: Verena Bünten
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Er ist seit 21 Jahren in Skid Row im Dienst: Officer Deon Joseph vom LAPD.

Aus Angst, von ihren Kindern getrennt zu werden, bemühen sich die Betroffenen nach außen hin um Normalität, bringen die Kinder unverändert zur Schule, gehen selbst zur Arbeit. Nur, dass sie sich trotzdem streckenweise keine Wohnung leisten können, weiß Officer Deon Joseph.

Er ist seit 21 Jahren Polizeibeamter in Skid Row und persönlich berührt von der wachsende Anzahl der Familien: "Hier draußen erleben die Kinder Menschen, die Sex auf dem Bürgersteig haben, Heroin spritzen oder Spice rauchen, dessen giftige Dämpfe gefährlich für sie sind. Wie belastend ist das alles für die Psyche eines Kindes."

Genau wie die Helfer von der Mission glaubt er, dass mehr getan werden muss, damit Familien erst gar nicht ihre Wohnungen verlieren - etwa durch finanzielle Überbrückungshilfen, wenn sie ein oder zwei Monate die Miete nicht zahlen können.

Geburtstagspartys für obdachlose Kinder

Jeden vierten Donnerstag aber ist Partystimmung auf dem Flachdach der Mission: Mary Davis und ihre Organisation "Worthy of Love" rücken an, um mit den Geburtstagskindern des Monats und allen obdachlosen Familien zu feiern. Es gibt Pizza, einen DJ, sogar Kaninchen zum Streicheln - und vor allem eine Botschaft: "Die Obdachlosigkeit nimmt den Kindern die Würde. Wir wollen ihnen zeigen, dass sie wertvoll sind und geliebt werden", sagt Veranstalterin Davis.

Party auf der Dachterrasse | Bildquelle: Verena Bünten
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Einen Abend lang alle Sorgen vergessen: Kindergeburtstag bei einer Wohltätigkeitsorganisation in Skid Row.

Für manche Kinder ist es die erste Geburtstagsparty ihres Lebens. Es ist der Versuch, einen Abend lang Unbeschwertheit zu schaffen, eine positive Erinnerung inmitten aller schlimmen Erlebnisse. Am nächsten Morgen werden die Kinder sich wieder auf ihren harten Schulweg machen müssen, vorbei an den Gescheiterten von Skid Row.

Über dieses Thema berichtete das morgenmagazin am 11. Juni 2019 um 06:45 Uhr.

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