Otto Warmbier Nordkorea | Bildquelle: REUTERS

Tod nach Nordkorea-Haft Alles ist ungewöhnlich am Fall Warmbier

Stand: 20.06.2017 17:48 Uhr

Er soll ein Plakat in Nordkorea abgehängt haben und hat das letztlich mit dem Leben bezahlt: der US-Student Otto Warmbier. Selbst für Experten, die sich mit Folter in nordkoreanischen Gefängnissen auskennen, hat der Fall eine bisher nicht da gewesene Dimension.

Von Julia Böhling, tagesschau.de

Ein junger Student ist auf Abenteuerreise, soll in seinem Hotel ein für ihn interessantes Plakat entdeckt und abgenommen haben. Hierzulande keine große Sache. Umso erschütternder ist der Fortlauf der Geschichte des US-Amerikaners Otto Warmbier. Nachdem der junge Mann das Plakat auf seiner Reise in Nordkorea abgenommen haben soll und schließlich mit seiner Reisegruppe wieder abreisen will, wird er am Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: Staatsfeindliche Handlungen.

Warmbier wird zu einem öffentlichen Geständnis gedrängt - daher gibt es Zweifel, ob er es überhaupt war, der das Plakat im Hotel abnahm. Am Ende steht eine Verurteilung des jungen Mannes zu 15 Jahren Haft mit Zwangsarbeit. Doch die Haft steht er offenbar nur einen Monat durch, dann fällt er ins Koma. Anderthalb Jahre später - vor einer Woche - wird Warmbier mit schwersten Hirnschäden zurück in die USA gebracht, nun ist er gestorben. Weil er - wenn überhaupt - ein Plakat von der Wand eines Hotels genommen hat.

Otto Warmbier wird im Juni 2017 in den USA aus einem Flugzeug getragen. | Bildquelle: AP
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Der schwer verletzte US-Student Otto Warmbier wird im Juni 2017 in den USA aus einem Flugzeug getragen.

Bessere Bedingungen für Ausländer

Der Fall erschüttert und überrascht selbst Experten - und wirft Fragen auf. Nordkorea ist zwar für seinen menschenverachtenden Strafvollzug bekannt, jedoch gab es so einen Fall wie den von Warmbier bislang nicht. Denn Ausländer werden in Nordkorea in der Regel nicht in den berüchtigten, klassischen Straf- oder Umerziehungslagern untergebracht. "Ausländer, vor allem, wenn sie keine ethnischen Koreaner sind, werden in der Regel separat untergebracht, oft sogar in Hotels oder Gästehäusern", sagt der Ostasienwissenschaftler und Nordkorea-Experte der Universität Wien, Professor Rüdiger Frank.

Das mache den Aufenthalt aber nicht deutlich angenehmer: "Stellen Sie sich vor, Sie sind völlig isoliert in einem Land, dessen Sprache Sie nicht verstehen, und Sie wissen nicht, wie lange das dauert oder was Ihnen als nächstes passiert. Der seelische Druck muss enorm sein, auch wenn man physisch in Ruhe gelassen wird", gibt Frank zu bedenken.

Zwangsarbeit nicht ausgeschlossen

Rüdiger Frank
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Professor Rüdiger Frank: Verhalten von Nordkoreas im Fall Warmbier ist "inakzeptabel".

Auch Amnesty International befasst sich mit der Situation von ausländischen Gefangenen in Nordkorea: "Wir kennen einige Fälle, bei denen ausländische Gefangene zur Zwangsarbeit verurteilt wurden. Dies hat auch schwere körperliche Folgen für die Betroffenen", sagt Ronald Hübner, Nordkorea-Experte der Menschenrechtsorganisation in Deutschland. Das zeige zum Beispiel der Fall des kanadischen Pastors Lim Hyeon-Soo, der aktuell in Nordkorea festgehalten und zur Zwangsarbeit geschickt werde: "Er wechselt ständig zwischen Gefängnis und Klinik, weil sein Gesundheitszustand sehr schlecht ist. Er leidet unter anderem an Mangelernährung, Bluthochdruck, Arthritis sowie Magenproblemen als Folge falscher medizinischer Behandlung."

Amnesty ist jedoch kein Fall bekannt, bei dem ein Gefangener unmittelbar nach seiner Freilassung gestorben ist - wie nun im Fall Warmbier. Auch nach Angaben von Nordkorea-Experte Frank ist es so, dass Ausländer bislang ihre Haft in Nordkorea - im Vergleich zu Warmbier - relativ stabil wieder verlassen haben: "Ich weiß von ähnlichen Fällen, wo die 'Verbrecher' einfach ausgewiesen wurden." Umso mehr stellt sich die Frage: Was ist dem US-Amerikaner während seiner Haftzeit widerfahren?

Offene Fragen nach Tod von US-Student Warmbier
tagesthemen 22:15 Uhr, 20.06.2017, Demian von Osten, ARD Washington

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Wo wurde Warmbier inhaftiert?

Seine behandelnden Ärzte aus den USA stellten bei dem 22-Jährigen nach seiner Rückkehr in die Heimat schwerste Hirnschäden fest. Diese führen sie am ehesten auf ein Herz-Kreislauf-Versagen und Sauerstoffmangel zurück. Eine Fleischvergiftung - so die offizielle Erklärung Nordkoreas für den Zustand Warmbiers - halten sie indes für sehr unwahrscheinlich. Entsprechende Nachweise dafür seien nicht gefunden worden. Körperliche Schäden - wie etwa Knochenbrüche - wurden bei Warmbier allerdings nicht festgestellt.

Pressekonferenz der behandelnden Ärzte in Cincinnati | Bildquelle: REUTERS
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Ärztekonsortium in Cincinnati: Auch die Mediziner rätseln, was konkret zu Warmbiers Hirnschäden geführt hat.

Warmbiers Eltern gehen dennoch davon aus, dass ihr Sohn misshandelt und gefoltert wurde. Laut Amnesty gibt es offiziell 13 sogenannte Umerziehungslager und weitere vier Straflager für politische Gefangene, deren Existenz allerdings von Nordkorea abgestritten wird. Berichte der Vereinten Nationen und Amnesty International belegen ihre Existenz. Welcher Gefangene für welches Delikt in welchem Lager landet, ist selbst für die Menschenrechtler völlig unklar. Wo der nun verstorbene US-Student Warmbier inhaftiert war, ist bislang auch nicht bekannt.

An Seilen kopfüber an der Decke

Feststeht nach übereinstimmenden Berichten von den Vereinten Nationen und Amnesty: Die vier Straflager für politisch Gefangene sind flächenmäßig so groß wie deutsche Großstädte. Insgesamt sind dort schätzungsweise 120.000 Menschen inhaftiert. "Systematische Folter und Hinrichtungen sind dort an der Tagesordnung", berichtet der Menschenrechtler Hübner. Stockschläge gehörten noch zu den harmloseren Foltermethoden. Den Inhaftierten würden unter anderem die Fingernägel abgerissen, sie würden stundenlang an Seilen kopfüber an die Decke gehängt oder stundenlang in kleinste Würfel von einem Meter Kantenlänge gequetscht. Auch von Wasserfolter ist in Berichten die Rede.

Ist Warmbier möglicherweise der erste bekannte Fall eines nicht-koreanischen Gefangenen, der in nordkoreanischer Haft an den Rand des Todes gefoltert wurde? Etwa durch Sauerstoffentzug während einer Wasserfolter oder in engen Räumen? "Eine körperliche Misshandlung von Herrn Warmbier kann man nicht ausschließen und nach 16 Monaten auch nicht mehr nachweisen", sagt Frank. Dennoch betont er erneut: "Verglichen mit früheren Fällen wäre das zumindest ungewöhnlich."

Auch eine falsche oder fehlgeschlagene medizinische Behandlung ist denkbar. Möglich ist auch, dass Warmbier aufgrund seiner schier aussichtslosen Lage oder durch massive Verhöre, von denen ehemalige Inhaftierte berichten, einen Schock und Herz-Kreislauf-Stillstand erlitt. Bereits bei der Urteilsverkündung war der junge Mann bitterlich in Tränen ausgebrochen und hatte völlig aufgelöst um Gnade gefleht.

Otto Warmbier bittet im Frühjahr 2016 auf einer Pressekonferenz in Nordkorea unter Tränen um Verzeihung und Gnade. | Bildquelle: AFP
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Fertig mit den Nerven: Otto Warmbier im Frühjahr 2016 bei einer Pressekonferenz in Nordkorea, bei der er seine Schuld eingestand.

Wurde Nationalität Warmbier zum Verhängnis?

Doch Gnade oder ein milderes Urteil blieben aus - möglicherweise auch deswegen, weil Warmbier US-Amerikaner war. "Die USA sind aus Nordkoreas Sicht der Hauptfeind. Diese führt man im Rahmen des herrschenden Propagandakrieges zwischen Pjöngjang und Washington gern öffentlich vor", sagt Ostasienwissenschaftler Frank. Inhaftierte Amerikaner würden oft als Faustpfand verwendet, um Gespräche und Besuche von hochrangigen Amerikanern zu erzwingen - "darunter Ex-Präsidenten und ein amtierender CIA-Chef".

Trotzdem steht am Ende von Warmbiers Leidensweg seine Freilassung. Warum? Möglicherweise rechnete das Regime damit, dass der junge Mann in seiner Gefangenschaft sterben könnte. Dieses Risiko, das zugleich eine große Provokation gegenüber den USA gewesen wäre, wollte Nordkorea vielleicht nicht eingehen. Aber auch so ist der Schaden immens: "Warmbiers Freilassung war sicher der Versuch, ein Signal der Gesprächsbereitschaft an die USA zu senden; das ist gründlich schief gegangen", sagt Frank. Und weiter: "Ich stimme dem Vater von Otto Warmbier zu: Für den Tod seines Sohnes gibt es keine Entschuldigung. Aber zumindest Reue muss Pjöngjang zeigen."

Empörung nach Tod von US-Student Otto Warmbier in Korea
J. Bösche, NDR
21.06.2017 08:08 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 20. Juni 2017 u.a. die tagesschau um 12:00 und 17:00 Uhr sowie Deutschlandfunk um 18:11 Uhr.

Autorin

Julia Böhling | Bildquelle: Ulla Brauer Logo tagesschau.de

Julia Böhling, tagesschau.de

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