Hostel auf dem ehemaligen Gebäude der nordkoreanischen Botschaft in Berlin | Bildquelle: Gabor Halasz, NDR

Devisen für Nordkorea Im Stockbett bei Kim Jong Un

Stand: 09.05.2017 17:00 Uhr

Strenge Sanktionen sollen verhindern, dass Nordkorea an Devisen kommt. Doch das Regime nutzt Schlupflöcher: In Berlin spült ein Hostel Geld in die Kassen von Kim Jong Un. Das will die Bundesregierung beenden, wie Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" zeigen.

Von Gabor Halasz, NDR, und Georg Mascolo, NDR/WDR

Gemütlich ist was anderes. Aber egal, Hauptsache billig und gut gelegen. Das "City Hostel" ist ein Geheimtipp in Berlin. Das Brandenburger Tor, der Potsdamer Platz, der Checkpoint Charlie - alles liegt in Laufweite. Ab 17 Euro pro Nacht kann hier übernachtet werden. Im 4- bis 8-Bett-Zimmer. Ideal für die, die wenig brauchen, aber mittendrin wohnen wollen. Es drängeln sich Schulklassen, Rucksacktouristen und Bauarbeiter.

Post-Sozialismus unter Nordkoreas Flagge

Das Hostel in der Berliner Glinkastraße versprüht post-sozialistischen Charme. Direkt daneben weht die nordkoreanische Flagge. Ein Schaukasten erzählt Helden-Geschichten über die Kim-Dynastie. Das Hostel liegt auf dem Gelände der nordkoreanischen Botschaft. Die war einmal riesig; in der DDR beherbergte sie bis zu 100 Diplomaten. Heute sind es nur noch etwa zehn. Deswegen ist viel Platz und das große Gebäude der konsularischen Abteilung wurde nicht mehr gebraucht. Ein Geschäftsmann hat das Gebäude deswegen schon 2004 gemietet und in ein Hostel verwandelt. Er zahlt dafür offenbar jeden Monat 38.000 Euro.

Hostel auf dem ehemaligen Gebäude der nordkoreanischen Botschaft in Berlin
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Spartanische Aufgeräumtheit: In Stockbetten ...

Hostel auf dem ehemaligen Gebäude der nordkoreanischen Botschaft in Berlin
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... oder Einzelbetten können die Gäste des "City Hostels" in Berlin nächtigen. Von Nordkorea keine Spur.

Nordkorea braucht Geld

Was die Gäste nicht ahnen: Sie helfen dem Regime in Pjöngjang. Das braucht Devisen, ein Teil des Gewinns fließt nach Nordkorea. Weltweit spielen die Botschaften des stalinistisch geführten Landes und dessen Diplomaten eine entscheidende Rolle, um die Finanzsanktionen zu unterlaufen. Die mit ihrer Hilfe erwirtschafteten Devisen werden nach Überzeugung von Experten dazu genutzt, verbotene Technologien und Luxusgüter einzukaufen sowie den Betrieb der Botschaften selbst zu finanzieren. Bereits im November 2016 untersagte der UN-Sicherheitsrat nach dem fünften Atomtest des Regimes per Resolution Vermietungsgeschäfte wie in Berlin. Darin heißt es: "Alle Mitgliedsstaaten sollen es Nordkorea verbieten, Immobilien, die es auf ihrem Staatsgebiet besitzt oder pachtet, für andere Zwecke als diplomatische oder konsularische Tätigkeiten zu nutzen." Angesichts dieser Klarheit drängten südkoreanische und amerikanische Diplomaten mehrfach die Bundesregierung, das Hostel zu schließen.

"Wir werden den Druck erhöhen müssen"

Die Bundesregierung will nun handeln, sagt, sie sei in Sorge wegen des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms. Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Markus Ederer, kündigte gegenüber NDR, WDR und SZ an: "Wir werden den Druck erhöhen müssen, um Nordkorea an den Verhandlungstisch zurückzubringen. Das geht vor allem dadurch, dass wir die Sanktionen, die die Vereinten Nationen und die Europäische Union verhängt haben, nun konsequent umsetzen. Dabei ist im Besonderen auch daran zu denken, dass wir die Finanzquellen dieses Nuklearprogramms noch konsequenter austrocknen."

Wir rufen den Betreiber des Hostels an. Er wolle nicht mit uns reden und mit der ganzen Sache nichts zu tun haben, sagt er. Deswegen mieten wir ein Zimmer. Die Räume sind einfach. Doppelstockbetten, teilweise mit Dusche und WC. Mini-Fernseher, Tisch, Schrank, Stuhl. Aber kein Hinweis auf Nordkorea. Nur nach hinten raus blicken wir auf das Botschaftsgebäude: Ein trostloser, seelenloser, farbloser Plattenbau, der verlassen wirkt. In den Fenstern altmodische, vergilbte Gardinen. Auf dem Hof entdecken wir noch einen flachen Bau. Eine kleine Halle, die ebenfalls Devisen in die Kassen spielt. Das "For-X" wird als Kongresszentrum angeboten, auch dieses Gebäude hat die Botschaft untervermietet.

Das Bundesjustizministerium hatte als erstes Bedenken, ob man die Mieter von Hostel und Kongresszentrum zwingen könne, die Verträge zu beenden. Schließlich seien die Pachtverträge geschlossen worden, bevor die UN die Sanktionen verhängt hatten. Inzwischen sollen aber alle Ressorts den Maßnahmen zugestimmt haben, der Zoll soll diese nun durchsetzen. Die Bundesregierung hat dafür extra die Außenwirtschaftsverordnung geändert. Nun können Bußgelder gegen die Mieter verhängt werden, wenn sie die Verträge nicht beenden.

Hostel Berlin
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Das Hostel auf dem Botschaftsgelände soll nach dem Willen der Bundesregierung geschlossen werden.

Drogen, Waffen und Falschgeld

Weltweit sind die Diplomaten des Machthabers Kim Jong Un mit allerlei kriminellen Methoden aufgefallen, um Devisen für sich und das Regime zu beschaffen. Das begann schon in den 70er-Jahren. Damals schmuggelten Diplomaten Alkohol, und das Geschäft hat sich ausgedehnt, erzählt Patrick Köllner, der Leiter des Institutes für Asien-Studien am Hamburger Giga-Institut: "Sehr verbreitet weltweit ist der Handel mit Drogen. Von Haschisch bis Heroin. Heutzutage auch Chrystal Meth. Bekannt sind dann aber auch: Automobilhandel in Vietnam, Handel mit Tierprodukten wie zum Beispiel Rhinozeros-Hörnern." Nach Angaben von Überläufern verbreiten Diplomaten auch Falschgeld und fallen beim Waffenverkauf auf. Dass das System immer wieder Diplomaten dazu nutzt, biete sich an, sagt auch Köllner: "Das diplomatische Gepäck wird nicht kontrolliert. Und hier geht es ja nicht nur um irgendwelche kleineren Aktentaschen. De facto können auch größere Mengen von Gütern transportiert werden ohne Kontrolle."

Ein Hostel, ein Veranstaltungssaal - die Bundesregierung sieht in den Geschäften der Nordkoreaner auf ihrem Botschaftsgelände ein Problem. Aber Deutschland hat auch eine Botschaft in Pjöngjang und ist darauf bedacht, einen diplomatischen Schlagabtausch zu verhindern. Doch gleichzeitig will Berlin auch verhindern, dass Gelder, die in Deutschland erwirtschaftet werden, in das nordkoreanische Atomwaffen-Programm fließen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Mai 2017 um 17:00 Uhr.

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