Hintergrund

Die Sicherheitslage im Nordkaukasus Terror im Namen der Ahnen

Stand: 07.01.2014 15:13 Uhr

Sotschi liegt nahe einer Konfliktregion - das haben die Anschläge in Wolgograd erneut vor Augen geführt. In den Fokus geriet damit erneut der Terroristenführer Umarow. Welche Rolle spielt er im Nordkaukasus?

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Luxuriöse Wohnhäuser in Sotschi
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Luxus am Schwarzen Meer - Präsident Putin will mit Sotschi die sonnige Seite Russlands präsentieren.

Palmen, Glitzerfassaden, farbenfroh geschmückte Flaniermeilen und Plätze. Russland wird sich in wenigen Wochen von seiner sonnigen Seite zeigen, wenn die Sportwelt zu Gast sein wird in Sotschis subtropischen Gefilden am Schwarzen Meer.

Doch im nahe gelegenen Kaukasus ist Sotschi ein Symbol für die Gewaltherrschaft der Russen. Denn unweit der Olympiaschanzen und Rodelbahnen in den Bergen endete vor 150 Jahren der Eroberungskrieg der Russen im Kaukasus. Die dort lebenden Tscherkessen und Abchasen stiegen in Sotschi zu Tausenden in Boote, um dem Tod zu entkommen. Doch an ihr Schicksal wird in der Stadt nichts erinnern. Vergeblich forderten Tscherkessenorganisationen eine Anerkennung der an ihren Vorfahren begangenen Gewalt.

Ein gemeinsames Schicksal, aber auch viel Trennendes

Terrorchef Doku Umarow
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Ein Bild aus einem Video aus dem Jahr 2007: Es zeigt den Terroristen Doku Umarow aus dem Nordkaukasus.

Der Terroristenführer Doku Umarow nutzte diesen historischen Hintergrund, um im Nordkaukasus Stimmung gegen die Olympischen Spiele zu machen. Im Juli 2013 rief der Tschetschene die Mudschaheddin der Region auf, Olympia in Sotschi scheitern zu lassen. Dieser "satanische Tanz auf den Gebeinen unserer Vorfahren", wie er die Spiele nannte, müsse verhindert werden mit allen Mitteln, die der allmächtige Gott erlaube.

Doch Umarow als mächtigen Anführer einer vereinten Front der zahllosen Volksgruppen des Nordkaukasus darzustellen, wäre zu einfach. Es gibt ein gemeinsames Schicksal, aber eben auch viel Trennendes.

Zwar verbindet die Menschen im Nordkaukasus die leidvolle Erfahrung der Herrschaft einer russischen Zentralgewalt, ob unter dem Zaren, in der Sowjetunion oder jetzt unter Präsident Wladimir Putin. Sie ging einher mit Aussiedlungen und Rücksiedelungen, den zwei Kriegen um Tschetschenien, einer endlosen Folge aus Gewalt und Gegengewalt, aus Terror und Terrorbekämpfung, aber nie Versöhnung mit den Russen, stattdessen Angst und einer wachsenden Entfremdung.

Viele Volksgruppen forderten während des Zerfalls der Sowjetunion wie die Tschetschenen Unabhängigkeit oder zumindest mehr Autonomie. Als diese Bestrebungen in den 1990er-Jahren auch an der Unfähigkeit zur Selbstverwaltung scheiterten, wandten sich vor allem junge Männer ultrakonservativen und fundamentalistischen Strömungen des Islam zu. Mit ihren einfachen Regeln erscheinen sie wie ein probates Mittel gegen die grassierende Korruption, das Versagen der Verwaltungen und fehlende Rechtsstaatlichkeit im Nordkaukasus. Mit der Verklärung zum heiligen Krieg rechtfertigen die Extremisten nicht nur den Kampf gegen russische Sicherheitskräfte, sondern auch Terrorakte gegen Zivilisten. Zudem ließ sich so internationale Unterstützung gewinnen.

Gewalt auch gegen Brüder und Schwestern

Anschlag im Mai in Makhachkala in Dagestan
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Wie hier in Makhachkala werden in Dagestan immer wieder Anschläge verübt.

Doch neben dem Konflikt mit der russischen Zentralgewalt gibt es zahlreiche Probleme zwischen den Volksgruppen. Dabei geht es um Landbesitz und Machtressourcen, hervorgerufen oder verschärft durch die willkürliche Festlegung von Verwaltungsgrenzen und die Umsiedlungspolitik zu Sowjetzeiten. Ein Beispiel sind die Tschetschenen in Dagestan, die unter Stalin erst ausgesiedelt und später wieder zurückgesiedelt wurden in Gebiete, die inzwischen von anderen Volksgruppen bewohnt wurden. Bis heute dauert der Streit um das Anrecht auf Territorium. Dagestan ist derzeit mit seinen vielfältigen, gewalttätig ausgetragenen Konflikten eine der gefährlichsten Region überhaupt.

Auch kämpfen die radikalen Islamisten nicht nur gegen die Russen, sondern auch gegen Atheisten, Kulturschaffende und gemäßigte muslimische Gläubige im Nordkaukasus, die zum Beispiel dem Sufismus anhängen. Die International Crisis Group berichtet zudem, dass sich einige Untergrundkämpfer in Dagestan finanzieren, indem sie im Auftrag von Unternehmern konkurrierende Geschäftsleute bedrohen, erpressen oder töten.

Ein loses Terrornetzwerk

So ist es kaum denkbar, dass islamistische Extremisten wie Umarow ungeteilte Unterstützung in der Bevölkerung erfahren, selbst wenn sie auf gemeinsames Leid verweisen. Fraglich ist auch, wie schlagkräftig Umarow derzeit ist.

Der einstige Unabhängigkeitskämpfer Umarow versammelte 2007 Kampfverbände um sich mit dem Ziel, im Nordkaukasus ein Emirat zu errichten. Die Organisation mit dem Namen "Kaukasus-Emirat" führen Russland, die USA, die UNO und andere auf ihren Terrorlisten. Umarow übernahm die Verantwortung für zahlreiche Anschläge in Russland, darunter auf die Moskauer U-Bahn im März 2010 und den Hauptstadt-Flughafen Domodedowo im Januar 2011.

Ramsan Kadyrow (Archivfoto)
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Tschetscheniens Machthaber Kadyrow griff in den vergangenen Jahren hart durch.

Doch der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow und russische Sicherheitskräfte griffen in den vergangenen Jahren hart durch. Wut auf diese Gewalt treibt zwar immer neue Männer und auch Frauen in den Widerstand. Aber viele erfahrene Kämpfer wurden inzwischen getötet. Umarows Bewegungsfreiheit ist offenbar sehr eingeschränkt.

Im "Kaukasus-Emirat" sieht Experte Sergey Markedonov in Moskau keine straff geführte Organisation: "Im Moment wirkt es wie eine lockere dezentrale Struktur ohne Befehlskette von oben nach unten. Nicht zufällig ändern die Untergruppen oft ihre Namen und Anführer."

Befürchtungen für die Zeit nach den Spielen

Ähnlich beschreibt es Aude Merlin, Nordkaukasus-Spezialistin vom Politikinstitut der Freien Universität in Brüssel: "Umarow hat Einfluss auf einige Gruppen im Nordkaukasus. Aber die Koordination scheint sehr locker zu sein. Jeder Djamaat - Kampfverband - kann organisieren, was er für relevant hält. Einige Schachids - Selbstmordattentäter - könnten auch ganz auf eigene Faust handeln."

Anschlagspläne von Einzeltätern oder kleinen, autonom handelnden Gruppen sind allerdings schwieriger aufzudecken als logistisch umfangreichere Aktionen bekannter Terrorgruppen.

So groß die Sorge um die Sicherheit in Sotschi ist, größer sind in der Region Befürchtungen vor der Zeit danach, wenn die Aufmerksamkeit wieder sinkt. Dann könnte die Lage dort mehr denn je außer Kontrolle geraten.

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