Nobelpreis | Bildquelle: dpa

Literaturnobelpreis-Vergabe Zurück zu altem Glanz

Stand: 10.10.2019 07:39 Uhr

Missbrauch, Vorteilsnahme, schwierige Preisträger - der Nobelpreis hat turbulente Jahre hinter sich. Nun soll es mit neuem Sekretär und dem doppelten Literaturpreis heute zurück zur Seriösität gehen.

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

"Der Nobelpreis für Literatur 2016 geht an - Bob Dylan!"

Sara Danius, damals die schillernde und  für frischen Wind sorgende Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, ließ die Bombe mittags in Stockholm platzen. Dylan sollte den Preis laut Begründung der Akademie für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition bekommen.

Dylan, Korruption und sexueller Missbrauch

Und damit ging der Ärger los. Erst weigerte Dylan sich, zur Preisverleihung zu erscheinen, dann, seine obligatorische Nobelvorlesung zu halten. Monate später lieferte er sie als Video nach, das einen schalen Eindruck hinterließ und doch nur ein Vorgeschmack war auf das, was dann Ende 2017 kam: Es ging um die Eskapaden des inzwischen wegen Vergewaltigung verurteilten Mannes der Schriftstellerin Katarina Frostenson, die damals noch einen der Akademie-Stühle buchstäblich besaß.

Er war des mehrfachen sexuellen Missbrauchs angeklagt, soll die Namen künftiger Preisträger verraten und Gelder der Akademie für seinen Kulturklub in Stockholm angenommen haben. Es kam zum Streit unter den Mitgliedern, weil einige versucht hatten, die Affäre auszusitzen und andere einen radikalen Neuanfang wollten.

Der König selbst als Schirmherr der Akademie änderte deren Statuten. Ein bis dato nicht vorgesehener Austritt noch zu Lebzeiten wurde möglich und von vielen Mitgliedern mehr oder weniger freiwillig auch vollzogen. Der Preis für 2018 wurde ausgesetzt.

Katarina Frostenson und ihr Mann Jean Claude Arnault bei Königlichen Nobel-Dinner im Jahr 2011. | Bildquelle: dpa
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Katarina Frostenson und ihr Mann Jean Claude Arnault brachten die Akademie in Verruf.

Neubeginn mit externen Beratern

Dann sprach die Nobelstiftung ein Machtwort und setzte den Neubeginn durch. Auf ihren Druck hin unterstützen nun fünf externe Berater die Akademie bei der Preisvergabe. Danius‘ Nachfolger, Interims-Sekretär Anders Olsson, sah das nicht als Entmachtung: Der Nobelpreis werde auch weiterhin von der Akademie vergeben und sie entscheide über die Preisträger. "Das Komitee ist also nicht selbständig, sondern erarbeitet lediglich die sogenannte 'shortlist'. Diese Konstruktion gilt für die kommenden zwei Jahre und es bleibt abzuwarten, was sich daraus ergibt. Ich finde das sehr belebend", sagte Olsson.

Diese externen "Berater" sollen laut einem Brief der Nobelstiftung, der in schwedischen Zeitungen zitiert wurde, im Amt bleiben, solange die Akademie als Ganzes das frühere Vertrauen in sie nicht wieder hergestellt habe. Ganz im Sinne der Stiftung, die endlich wieder Ruhe wollte.

Erst einmal berichtete Lars Heikensten als ihr Exekutivdirektor aber von einer wahren Sensation: 2019 werde es wieder einen Literaturnobelpreis geben, und zwar im Doppelpack. Und mit vielen neuen auch jüngeren und vor allem weiblichen Mitgliedern. Damit war Anfang dieses Jahres der "Frühjahrsputz" in der Akademie abgeschlossen und der Neuanfang wirklich möglich.

Mats Malm soll für Ruhe sorgen

Fehlte nur noch eine neue Ständige SekretärIn? Fast. Denn es wurde wieder ein Sekretär: Mats Malm, 55 Jahre alt, verheiratet, Vater dreier Kinder. Nicht nur Literatur-, sondern auch Sprachwissenschaftler und Übersetzer, Lateinfan und Fachmann für ältere Literatur. Ein Gegenentwurf zu den schillernden Persönlichkeiten, die verantwortlich gemacht werden für die bisher schwerste Krise der Akademie, deren Mitglied Malm gerade erst geworden war.

"Ist Ihnen das schwer gefallen?", wurde er in einem Radiointerview gefragt. Malm antwortete: "Es war ein bisschen schockierend, aber ich hatte Zeit, darüber nachzudenken. Nach einigen Überlegungen bin ich zum Schluss gekommen, dass es sich um ein fantastisches Angebot handelte und ich freute mich darauf, dort mitzuarbeiten."

Mats Malm | Bildquelle: dpa
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Der Literatur- und Sprachwissenschaftler Mats Malm soll der Akademie wieder Ansehen verschaffen.

Da ahnte er noch nicht, dass er nicht einmal ein Jahr später an der Spitze der Akademie stehen würde. Da steht er nun seit Juni und seitdem hat man nichts mehr gehört; von ihm nicht und auch nicht von der Akademie. Malm hat offenbar aus den Fehlern seiner Vorgänger gelernt und sicher auch davon profitiert, dass einige besonders eitle ehemalige Mitglieder eben ehemalige Mitglieder sind. Sein Name steht für die Ruhe nach dem Sturm und vielleicht ja auch tatsächlich für einen Neubeginn, zu dem durchaus die Rückbesinnung auf alte Tugenden wie Seriosität, Bescheidenheit und Gewissenhaftigkeit zählen könnten.

Malm selbst ist sich der großen und am Ende doch auch großartigen Tradition der Schwedischen Akademie bewusst. Die Affäre werde nicht ihr Ende sein, das hat er schon bei seinem Amtsantritt gesagt.

Literatur-Nobelpreise: Das lange Schweigen der Akademie
C. Schmiester, ARD Stockholm
10.10.2019 07:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 10. Oktober 2019 um 05:37 Uhr.

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