Ein Mann zündet eine Kerze an. | Bildquelle: dpa

Mutmaßlicher Nizza-Attentäter Unerkannt von Italien nach Frankreich

Stand: 30.10.2020 19:14 Uhr

Der mutmaßliche Attentäter von Nizza ist von Tunesien über Lampedusa nach Frankreich gelangt. Doch wie kam der 21-Jährige dorthin? Seine Spur verliert sich im italienischen Bari.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

"Der Killer, der aus Italien kam", titelt die Zeitung "La Repubblica". Und fragt: Wie konnte der mutmaßliche Attentäter von Lampedusa nach Nizza gelangen? Am 20. September, das bestätigte Italiens Innenministerin Luciana Lamorgese, ist der 21-Jährige als Migrant auf der Mittelmeerinsel gelandet. "Der Tunesier ist auf Lampedusa angekommen im Rahmen einer eigenständigen Landung."

Auf einem kleinen Boot nach Lampedusa

Das heißt, der mutmaßliche Attentäter gehört nicht zu den Migranten, die von der Küstenwache oder einer Nicht-Regierungsorganisation auf dem Mittelmeer aus Seenot gerettet wurden. Brahim A. kam gemeinsam mit etwa 20 Landsleuten nach Lampedusa auf einem kleinen Boot, das in der tunesischen Hafenstadt Sfax gestartet war. Insgesamt sind über die sogenannte zentrale Mittelmeerroute in diesem Jahr bereits über 11.000 Tunesier nach Italien gelangt.

Bei Ankunft in Italien ein unbeschriebenes Blatt

Brahim A. wird auf Lampedusa registriert: Es werden Fotos von ihm gemacht, Fingerabdrücke genommen, Name, Geburtsdatum und Herkunftsland erfasst. Italiens Behörden überprüfen in einem solche Fall drei Dinge: Erstens, ob der Migrant schon einmal in Italien war und des Landes verwiesen wurde. Zweites, ob er für die Behörden seines Heimatlandes aktenkundig ist. Und drittens, ob er in europäischen Datenbanken der Sicherheitsbehörden auftaucht. Alle drei Überprüfungen verliefen negativ.

Brahim A., so Innenministerin Lamorgese, war vergangenen Monat bei seiner Ankunft in Italien ein unbeschriebenes Blatt: "Er war weder gemeldet von den tunesischen Behörden noch gab es Hinweise aus Geheimdienstkreisen."

Von Lampedusa auf das Quarantäne-Schiff

Routinemäßig stellen die Italiener gegen alle, die unerlaubt ins Land kommen, eine Strafanzeige wegen illegalen Eintritts in das italienische Staatsgebiet. Das tun sie im September auch im Fall Brahim A. Anschließend geht es für den 21 Jahre alten Tunesier in den Aufnahme-Hotspot auf Lampedusa. Und vier Tage später - gemeinsam mit rund 800 anderen Migranten - zur Corona-Quarantäne auf das Fährschiff "Rhapsody". Italiens Regierung hat das Schiff angemietet, weil zu dem Zeitpunkt die Aufnahmestruktur auf Lampedusa überfüllt ist.

In Bari von Bord

Zwei Wochen fährt die "Rhapsody" die italienische Küste entlang nach Apulien, wo Brahim A. am 8. Oktober in Bari von Bord geht. Dort erhält er am darauf folgenden Tag vom örtlichen Roten Kreuz eine Bescheinigung über einen negativen Covid-19-Test - und von den Behörden die Aufforderung auszureisen: "Er war am 9. Oktober Empfänger einer Ausweisungsverfügung mit der Anweisung des Polizeipräsidenten, das Staatsgebiet zu verlassen", sagt Lamorgese.

Verschwunden vom Radar der Behörden

Die Ausweisungsverfügung schreibt zwar vor, dass die betreffenden Migranten innerhalb von sieben Tagen Italien verlassen müssen. Kontrolliert wird dies in der Regel nicht. Die tausendfache Realität in Italien lautet: In dem Moment, in dem die Migranten den Zettel mit der Ausweisungsverfügung in der Hand halten, verschwinden sie vom Radar der Behörden - diese wissen nicht, wohin mit ihnen, weil die Zusammenarbeit mit dem Heimatlandes langwierig ist und es in Italien an Unterkünften fehlt.

Abtauchen ins Ausland

Viele ausreisepflichtige Migranten tauchen daraufhin ab, gehören dann zu den laut Migrationsbericht mittlerweile rund 700.000 Menschen, die derzeit in Italien leben, ohne dass sie offiziell registriert sind. Oder sie reisen, wie im Fall Brahim A. unerkannt weiter ins europäische Ausland. 50 Euro kostet es, berichten italienische Medien, sich über die Grenze nach Frankreich schmuggeln zu lassen.

Italiens rechte Opposition verlangt angesichts des Falls Brahim A. den Rücktritt der Innenministerin. Die Mitte-Links-Koalition verweist darauf, dass es einen ähnlichen Fall schon mal zur Zeit der rechten Regierung Berlusconi gegeben hat: 2011 kam auf Lampedusa ein anderer Migrant aus Tunesien an - Anis Amri, der spätere Attentäter auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Wie konnte der Nizza-Attentäter von Lampedusa nach Frankreich kommen?
Jörg Seisselberg, ARD Rom
30.10.2020 18:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Oktober 2020 um 20:00 Uhr.

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