Trauer an der Notre Dame Kirche in Nizza. | AFP
Reportage

Nach Messer-Attacke in Nizza Verzweifelte Suche nach Antworten

Stand: 30.10.2020 03:22 Uhr

In Nizza trauern die Menschen um die drei Opfer der Messer-Attacke. Gleichzeitig entbrennt im ganzen Land erneut eine Debatte darum, wie auf den Terrorismus geantwortet werden soll.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Brennende Teelichter auf einem Steinquader vor der Basilika Notre Dame de Nice. Menschen stehen andächtig vor der Kirche, legen Blumen nieder, dort, wo am Donnerstagmorgen drei Menschen brutal ermordet wurden. Marc, ein junger Mann mit Dreitagebart und Brille sitzt in der Hocke, mit dem Feuerzeug zündet er die Teelichter wieder an, die der frische Wind ausbläst.

Ich war schon in dieser Kirche, mehrere Male. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder reingehen kann. Nicht aus Angst, aber ich fühle mich so ohnmächtig. Ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, dass es nichts bringt, andere zu töten. Es gibt einfach keinen guten Grund dazu. Diese Massaker müssen aufhören.“ 
Sabine Wachs ARD-Studio Paris

Er spricht vielen, die an diesem Abend vor die Kirche gekommen sind, aus der Seele. Einige beten, andere starren einfach nur auf die Basilika, an deren Eingang immer wieder Menschen in weißen Ganzkörperanzügen erscheinen. Die Spurensicherung ist noch an der Arbeit. In kleinen Gruppen stehen Leute zusammen, diskutieren.

"Es hört einfach nicht auf. Seit 2016, der Anschlag am 14. Juli auf der Promenade des Anglais, dann jetzt gerade erst der Lehrer. Es nimmt einfach kein Ende. Und jetzt ist es hier passiert. Bei uns, in Nizza. Schon wieder", sagt Sandrine. Auch sie ist völlig fassungslos.

Macron in der Kritik

Menschen in einer Kirche zu ermorden, beim Gebet, was soll das, fragt sie Christian, der neben ihr steht. Der Mittsechziger, der seit Jahren an der Côte d’Azur lebt, macht unter anderem das Handeln von Präsident Macron und der Regierung für den Anschlag verantwortlich. Seit dem brutalen Mord am Lehrer Samuel Paty geht die Regierung hart gegen Islamisten vor, hat unter anderem eine Moschee geschlossen.

Frankreichs Präsident Macron hat Mohamed-Karikaturen im Namen der Meinungsfreiheit verteidigt. Mehrere arabische Länder haben zum Boykott französischer Produkte aufgerufen. Kreise, die der Terrororganisation Al Quaida nahestehen, sollen zu Anschlägen in Frankreich aufgerufen haben.

Vielleicht sollten wir besser Karikaturen über andere Dinge machen, aber nicht mehr über Mohamed. Vielleicht wäre das ja die Lösung. Ich weiß es nicht. Aber können wir unsere Meinungsfreiheit nicht anders ausdrücken, als mit diesen Karikaturen?

Wie soll dem Terror begegnet werden?

Eine Debatte, die nicht nur in Nizza geführt wird. Frankreichs Präsident Macron, der am Nachmittag in Nizza war, stellte dort noch einmal klar, das Land werde im Streit um seine Werte nicht klein beigeben. Er forderte alle Französinnen und Franzosen auf, gleich welcher Religion, ob gläubig oder nicht, zusammenzustehen.

In Nizza tun sie genau das an diesem Abend. Unter den Menschen, die vor der Basilika Notre Dame trauern, sind auch einige Frauen mit Kopftuch. Ganz schüchtern geht Nezar auf den Steinquader zu.

"Das ist für alle, für alle Christen, für alle Menschen", sagt die junge Muslima und stellt eine große Kerze neben die vielen brennenden Teelichter. Dann zieht sie sich schnell zurück. "Ich weiß ganz genau, was dieser Ort, die Kirche, für die Christen bedeutet. Ich habe eine Kerze aufgestellt und bitte damit um Entschuldigung."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Oktober 2020 um 20:00 Uhr.