Emanuel Macron in Nizza | REUTERS

Messer-Attacke in Nizza Weltweites Entsetzen über Terrortat

Stand: 29.10.2020 22:22 Uhr

Wieder wird Frankreich von einem brutalen Mord erschüttert. In einer Kirche in Nizza tötete ein mutmaßlicher Islamist drei Menschen. Die Weltgemeinschaft reagiert mit Bestürzung auf die Tat.

Frankreichs Präsident Macron hat als Reaktion auf den Terroranschlag in Nizza die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Bei einer Messerattacke in der Basilika Notre-Dame waren am Morgen drei Menschen getötet worden, zwei Frauen sowie der Küster der Kirche. Sechs weitere Personen seien verletzt, berichten französische Medien.

Die Morde von Nizza ereigneten sich den Berichten zufolge in der Kirche; das dritte Opfer starb kurz darauf in einem Cafe vor der Basilika, in das sich die Frau schwer verletzt geflüchtet hatte. Offenbar schnitt der Täter einer 70-Jährigen in der Kirche die Kehle durch und stach dem rund 45-jährigen Küster in den Hals.

Zwei Menschen seien innerhalb der Kirche "auf schreckliche Weise" getötet worden, sagte Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi. Frankreichs Premierminister Jean Castex bestätigte, dass drei Menschen bei der Attacke starben.

Ermittler gehen von Extremismus aus

Die Behörden gehen von einer terroristischen Tat aus; die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Täter, der mehrfach "Allahu akbar" (Gott ist der Größte) geschrien habe, sei vor der Kirche von Polizisten angeschossen und ins Krankenhaus gebracht worden, berichten französische Medien.

Anti-Terror-Staatsanwalt Jean-François Ricard berichtete, der Verdächtige sei ein Tunesier, der am 20. September auf der italienischen Insel Lampedusa eingetroffen und am 9. Oktober nach Paris gereist sei. Die Angaben seien aus einem Dokument zu dem Mann vom italienischen Roten Kreuz. Die tunesische Staatsanwaltschaft nahm nach dem Angriff die Ermittlungen auf. Für den Fall, dass Frankreichs Justizbehörden um Zusammenarbeit bitten, stehe man zur Verfügung, sagte ein Gerichtssprecher in Tunis.

Italiens Behörden waren nach eigenen Angaben von Tunesien nicht vor dem Gewalttäter gewarnt worden. Das Innenministerium in Rom teilte mit, dass der 21-jähriger Tunesier illegal auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa angekommen sei. Nach italienischen Agenturberichten war er mit anderen Bootsmigranten dort an Land gegangen und im Oktober nach Bari, die Hauptstadt Apuliens, gebracht worden. Am 9. Oktober ein Ablehnungsdekret sei er aufgefordert worden, Italien innerhalb von sieben Tagen zu verlassen.

Macron stockt Anti-Terror-Truppe auf

Frankreich rief als Reaktion die höchste Terrorwarnstufe aus. Staatspräsident Emmanuel Macron begab sich am Nachmittag zum Tatort. Er kündigte einen verstärkten Schutz von Kirchen und Schulen an. Der schon länger laufende inländische Anti-Terroreinsatz "Sentinelle" des Militärs solle von bisher 3000 auf nun 7000 Soldaten aufgestockt werden.

Er rief die Franzosen auf, nicht vor dem Terror zurückzuweichen. Man dürfe nicht dem Geist der Spaltung nachgeben. Es ist die dritte Attacke in Frankreich innerhalb weniger Wochen. Damals war der Geschichtslehrer Samuel Paty auf offener Straße in einem Pariser Vorort von einem Islamisten enthauptet worden.

Weitere Angriffe in Avignon und Lyon

Auch in einem Vorort von Avignon in Südfrankreich gab es am Vormittag einen Vorfall. In Montfavet bedrohte ein Mann laut Polizeiangaben mehrere Passanten mit einer Pistole. Die Polizei erschoss nach eigenen Angaben den Mann, da er sich weigerte, seine Waffe abzulegen.

In Lyon wurde am Nachmittag ein Mann in afghanischer Kleidung mit einem Messer in der Hand festgenommen. Am französischen Konsulat in Dschidda in Saudi-Arabien wurde außerdem ein Sicherheitsbeamter angegriffen und leicht verletzt.

"Abscheuliche Tat"

Die Angriffe erfolgten vor dem Hintergrund der Empörung vieler Muslime über Karikaturen des Propheten Mohammed, die die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in den vergangenen Monaten erneut veröffentlicht hatte.

Weltweit ist die Anteilnahme nach den Morden in Nizza groß. Die Spitzen der EU-Institutionen sicherten Frankreich ihre Solidarität zu. Ganz Europa sei solidarisch mit dem Land, schrieb EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen auf Twitter. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin brachte sein "tiefes Mitgefühl" zum Ausdruck.

Papst Franziskus bekundete seine Nähe und sein Mitgefühl mit den Trauernden. UN-Generalsekretär António Guterres nannte die Attacke "abscheulich". US-Präsident Trump schrieb auf Twitter, die USA stünden Frankreich "in diesem Kampf" zur Seite.

Bestürzung bei Islamverbänden

Mehrere Islamverbände in Deutschland verurteilten den Messerangriff. Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, erklärte in Köln: "Wer Mord und Terror über die Menschen bringt, der hat sich an der Menschheit vergangen, der hat sich an Gott vergangen."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die Tat als einen "Akt abscheulicher Gewalt" und betonte: "Der Gewalt und den islamistischen Motiven, die offenbar hinter ihr stehen, müssen wir mit aller Entschiedenheit entgegentreten." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich "tief erschüttert". Sie versicherte Frankreich "in diesen schweren Stunden Deutschlands Solidarität".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Oktober 2020 um 14:00 Uhr und 17:00 Uhr.