Proteste in Nigeria gegen anhaltende Vergewaltigungen. | Bildquelle: AP

Vergewaltigungen in Nigeria "Wir müssen den Ausnahmezustand ausrufen"

Stand: 09.07.2020 00:52 Uhr

In Nigeria ist die Zahl der Vergewaltigungen während des Corona-Lockdowns deutlich gestiegen. Nach Angaben der Polizei wurden hunderte mutmaßliche Täter festgenommen. Immer mehr Frauen fordern bei Protesten ein Ende der Gewalt.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat

"Ich war gebrochen. Ich habe geweint. Ich habe mich vor mir selbst geschämt. Ich fühlte mich wie Dreck, als ob mir etwas Wertvolles genommen wurde", erzählt Rose. Sie wurde vergewaltigt. Rose ist nicht ihr richtiger Name - denn sie will anonym bleiben. Sie sagt, sie sei eine Überlebende.

Sie ist damals zur Polizei gegangen - das tun nur wenige Opfer von sexueller Gewalt in Nigeria. Viele Betroffene würden stigmatisiert, wenn sie die Straftat meldeten - selbst in der Familie, erzählt Rose. "Ich hab es meinen Eltern erzählt und ich habe den gewöhnlichen Backlash erwartet - aber im Gegenteil, ich habe Liebe und Unterstützung von ihnen erhalten." Die Familie sei die größte Unterstützung, die Überlebende bekommen könnten.

Die Polizei ist unzureichend ausgebildet

Ihre Mutter habe ihr geholfen, ihr Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. "Sie sagte mir, wir müssen was machen. Also bin ich zur Polizei. Und die haben gesagt: Na gut, wir müssen erst einmal schauen, ob du wirklich vergewaltigt wurdest - so, als ob ich lüge."

Laut Mausi Segun von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch ist die nigerianische Polizei oft selbst das Problem. "Ich habe Fälle von kleinen Mädchen betreut, wo die Polizei dann gefragt hat, ob sie die Vergewaltigung genossen hat", kritisiert sie. "Das ist inakzeptabel. Wir brauchen besseres Training für die Polizei und Spezialeinheiten in jeder Polizeistation - damit sie mit den Opfer ordentlich umgehen und ermitteln."

Über 600 Fälle vor Gericht

Die Polizei selbst warnt, dass die Zahl der Fälle von sexueller Gewalt gegen Mädchen und Frauen während des Corona-Lockdowns in Nigeria alarmierend gestiegen sei. Zwischen Januar und Mai wurden demnach über 700 Vergewaltigungen registriert und fast 800 mutmaßliche Täter festgenommen. Über 600 Fälle würden jetzt vor Gericht verhandelt.

Die Hürde für Betroffene, auf dem juristischen Weg erfolgreich zu sein, ist laut Mausi Segun von Human Rights Watch aber hoch. "Zu viele Täter werden nicht verurteilt, viele werden nicht einmal angeklagt", sagt sie. "Die Verurteilungsrate im Land für sexuelle Gewalt ist eine der niedrigsten aller Straftaten."

Tausende Frauen demonstrieren

Doch es bewege sich etwas in Nigeria, sagt Mausi Segun. Frauen und Mädchen hätten das Schweigen gebrochen. Das sieht man landesweit auch auf den Straßen: Seit einem Monat demonstrieren tausende Frauen in den Straßen, zornig und ohnmächtig fordern sie ein Ende der Gewalt. Auf ihren Plakaten steht "genug ist genug" oder "Es ist kein Verbrechen, eine Frau zu sein".

Der Zuspruch für die Bewegung ist groß - in den sozialen Medien haben sich auch Prominente aus Nigeria zu Wort gemeldet. Laut einer UNICEF-Studie haben 25 Prozent der Mädchen unter 18 Jahre schon einmal sexuelle Gewalt erlebt. Aktivistin und Demonstrantin Niri Goyitti sagt, die Zustände seien nicht mehr zu ertragen. "Vergewaltigungen passieren hier fast tagtäglich." Sie und ihre Mitstreiter hätten die Namen von 80 Frauen vorgelesen, die in diesem Jahr Opfer von sexueller Gewalt wurden. "Das waren Babys im Alter von sechs Monaten bis hin zu 90-jährigen Frauen. Wir müssen den Ausnahmezustand ausrufen."

Der Notstand soll ausgerufen werden

Besonders brutale Fälle, bei denen die oft jungen Opfer sterben, haben in Nigeria für Empörung gesorgt. Die nigerianische Regierung versprach, sich stärker um das Thema zu kümmern. Die Gouverneure der 36 Bundesstaaten wollen wegen des Anstiegs an sexueller Gewalt tatsächlich den Notstand ausrufen. Zudem soll es neue Gesetze geben und eine bessere Ausbildung für die Polizei. Auch die Bevölkerung soll stärker für das Thema sensibilisiert werden, um das Schweigen zu brechen. 

Betroffene wie Rose wollen darauf nicht warten. Sie hilft heute anderen Überlebenden von sexueller Gewalt dabei, die Straftat zu melden und mit der Polizei umzugehen. “Ich will den Leuten da draußen sagen, ihr könnt Gerechtigkeit erhalten. Es verändert vielleicht nicht, was uns passiert ist, aber es kann eine Botschaft an Täter senden: Wir werden gegen dich vorgehen, wenn du uns missbrauchst.”

Nigeria: Vergewaltigungen während Lockdown massiv angestiegen
Dunja Sadaqi, ARD Rabat
09.07.2020 01:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Juli 2020 um 05:19 Uhr.

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