Eddy Duru bei einem Vortrag vor Kindern und Jugendlichen | Bildquelle: Annette Fenske

Warnung an Nigerianer "Sag 'Nein' zur Reise über das Meer"

Stand: 11.12.2019 05:06 Uhr

Viele Afrikaner wollen nach Europa, um der Armut zu entkommen. Der in Kassel lebende Nigerianer Eddy Duru versucht, seine Landsleute von der gefährlichen Odyssee abzuhalten - und wird dabei vom Auswärtigen Amt finanziert.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

"Wie viele von Euch wollen denn nach Europa oder Amerika?", fragt Eddy Duru. "Hebt doch mal die Hand." In der Aula der Green Park Academy, einer Highschool in Benin City im Süden Nigerias, heben sich jetzt viele Arme, erst zögerlich, dann immer mehr. Bestimmt zwei Drittel der rund 500 Schüler, die zur Informationsveranstaltung gekommen sind, wollen Nigeria einmal verlassen. Doch Duru ist nicht hier, um sie dazu zu ermutigen. Ganz im Gegenteil.

Nigerianer klärt in seiner ehemaligen Heimat über Fluchtgefahren auf
Morgenmagazin, 11.12.2019, Caroline Hoffmann, ARD Nairobi

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Abgelehnte Asylanträge und kenternde Boote

Duru redet sich warm, er kommt langsam in Fahrt. Er läuft auf und ab und ruft laut in sein Mikrofon: "Ich bin gekommen, um Euch zu sagen, wie man legal reist, damit man überlebt. Und noch besser, damit ihr hier in Nigeria bleibt und etwas Sinnvolles tut. Für Euch und für Nigeria."

Er präsentiert Zahlen, wie viele Asylanträge in Deutschland abgelehnt würden, dann zeigt er ein Video: Kenternde Flüchtlingsboote auf dem Meer und Nigerianer, die verzweifelt um Hilfe flehen. Die Schüler schauen aufmerksam zu. Nachdenkliche Gesichter.

Zwei Stunden vorher wird aufgebaut, Banner werden entrollt und die Musikanlage getestet. Duru macht solche Informationsveranstaltungen schon seit über 20 Jahren. Sein Ziel: Die Menschen hier von der gefährlichen Flucht über das Meer abzuhalten.

"Planlos in Europa"

Er selbst ist Nigerianer, lebt aber in Deutschland. Auch er floh, kam Ende der 1990er-Jahre als politischer Flüchtling - allerdings mit dem Flugzeug. Er hatte Glück und konnte bleiben, er heiratete und baute sich ein Leben in Deutschland auf. Er lebt in Kassel, hat einen Laden für Geldtransfer. Doch ein Thema ließ ihn nicht mehr los: Wie Nigerianer Deutschland sehen und wenn sie da seien, nicht mit dem Leben zurecht kämen. "Ich habe gesehen, dass unsere Leute planlos in Europa leben", erzählt er. "Sie glauben, dass Europa der Himmel wäre. Dass das Geld dort auf der Straße fließt." Aber das sei nicht die Wahrheit. Er selbst war nicht auf sich allein gestellt, sein Vater unterstützte ihn finanziell.

Eddy Duru bei einem Vortrag vor Kindern und Jugendlichen | Bildquelle: Annette Fenske
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Eddy Duru warnt Landsleute in Nigeria vor der illegalen gefährlichen Reise nach Europa oder Amerika.

Eine Rückkehrerin erzählt

Ganz deutsch hat Duru damals einen Verein gegründet. Der heißt Rarduja e.V., übersetzt bedeutet das in etwa: Aufklärung der Afrikaner über die Risiken und Gefahren einer ungeplanten Reise ins Ausland. Hinter dem sperrigen Titel verbergen sich beispielsweise Informationsveranstaltungen wie solche in Benin City. Der Verein ist auch in Deutschland, Ghana, Liberia und Gambia aktiv.

In der Aula spricht jetzt Joy Solomon, eine Rückkehrerin. Sie erzählt, wie sie in Libyen im Lager saß, kaum zu Essen hatte. Sie habe Menschen in der Wüste sterben sehen: "Zwei Monate saß ich im Gefängnis, niemand hilft Dir dort. Ihr großartigen nigerianischen Schüler. Sagt Nein."

Sie werden eingeschworen

Dann wird es richtig laut. Sie stehen auf und halten Schilder mit einem Schriftzug hoch. Sie sollen den Schriftzug immer wieder rufen. "Sag 'Nein' zur ungeplanten Reise über das Meer." Die rund 500 Schüler werden regelrecht eingeschworen. Duru steht mitten unter ihnen, auch er hat das Schild erhoben.

Was sagen denn die Schüler zu dieser Veranstaltung? "Wir hören anderes von Leuten, die es in Italien geschafft haben", sagt Eddison Ogutula. "Aber Eddy erklärt uns, dass sie lügen. Wir könnten sterben und zurückkommen, ohne etwas erreicht zu haben. Ich schätze ihn sehr." Auch viele andere Kinder finden Durus Einsatz bemerkenswert. Aber verkörpert er nicht mit seiner eigenen Erfolgsgeschichte einen guten Grund, Nigeria zu verlassen? Die Schüler sagen nichts dazu.

Geld aus Deutschland für die Kampagne

Was sagt Duru selbst? "Es wird sogar einfacher, wenn ich es als einer von ihnen erzähle", so sieht es Duru. "Wenn ein Europäer zum Beispiel hierherkommt und all das erzählt, dann werden sie ihm das nicht richtig glauben. Ich war dort und ich bin zurückgekommen, um mit ihnen darüber zu sprechen."

Lange haben Duru und sein Vater den Verein allein und durch Spenden finanziert. Doch mittlerweile gibt es für solche Kampagnen Geld vom Auswärtigen Amt. Im Jahr 2019 seien es 135.000 Euro, sagt Duru. Verhinderung von Migration - das will schließlich auch die Bundesregierung. Doch kann er die Menschen hier wirklich überzeugen?

Armut und Mangel an Perspektiven

Nigeria ist derzeit das viertwichtigste Herkunftsland von Asylbewerbern in Deutschland. Die meisten Anträge werden abgelehnt. Die Armut und der Mangel an Perspektiven in Benin City treibt die Menschen an, von hier wegzugehen. Nur Armut ist kein Asylgrund.

Menschen in Benin City, Nigeria | Bildquelle: Annette Fenske
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In Benin City leiden viele Menschen an Armut und Perspektivmangel. Viele wollen ihr Glück in Europa versuchen.

Viele Schüler sprechen davon, es für ihre Ausbildung oder eine Arbeit ganz legal zu versuchen - mit den richtigen Papieren. "Ich wäre so glücklich, nach Europa zu gehen", sagt Augustina Edegbe. "Um meine Familie aus dieser Armut, diesem Leid zu befreien und aus dieser Scham."

Über die legalen Möglichkeiten würden die Schüler an der Green Park Academy gern noch etwas mehr von Duru erfahren. "Wir wissen doch alle, das illegale Migration schlecht ist", sagt Crystal Osagioduwa. "Sie sollen nicht nur sagen, wir können es legal versuchen. Sie sollen uns auch genau zeigen, wie das geht. Davon habe ich hier noch nichts gehört." Der Traum vom Leben woanders - er bleibt.

Legal versuchen

Legale Migration nach Europa? Am Abend ist Duru live im Radio zu hören. Auch hier lautet seine Botschaft für die Hörer, die ihn anrufen können: "Nein" zur gefährlichen Reise. Wer unbedingt wolle, solle es legal versuchen. Doch ganz so einfach ist das ja nicht: Deutschland bietet diese Möglichkeit so gut wie gar nicht. Das weiß auch Duru. "Natürlich sollte es legale Migrationsmöglichkeiten geben", sagt Duru, der sich in Deutschland als Ausländerbeirat bei der Stadt Kassel engagiert. "Wir bitten unsere deutsche Regierung, diese zu erleichtern, damit die Leute dann legal kommen können." Ein Bitten, das aber im Moment nicht erhört wird.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 11. Dezember 2019 um 06:42 Uhr.

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