Täglich sterben in diesem Lager im Nordosten Nigerias Flüchtlinge.

Flüchtlinge in Nigeria Die übersehene Katastrophe

Stand: 25.06.2016 12:12 Uhr

Menschen auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien - sie sind die Flüchtlinge, die Europa vor allem im Blick hat. Doch auch in Afrika sind Millionen auf der Flucht. In Nigeria vor allem vor der Terrormiliz Boko Haram. Unbemerkt von der Öffentlichkeit zeichnet sich dort eine Katastrophe ab.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat

Yagana Isa lebt seit elf Monaten im Flüchtlingslager Dallori im Nordosten Nigerias. Die 35-Jährige war mit vier Kindern vor Boko-Haram-Angriffen geflohen. Mitnehmen konnte sie nichts. Sie hat eine Schlafmatte. "Das ist alles", sagt sie. Und das Essen im Lager? "Wir bekommen zweimal pro Tag Reis und Bohnen", sagt Yagana. "Einmal morgens um neun Uhr, einmal nachmittags um 16 Uhr. Jeden Tag." Und sie fügt hinzu: "Aber es ist nie genug!"

Die Situation in den Flüchtlingslagern im Nordosten Nigerias ist extrem angespannt. Toby Lanzer kümmert sich als Koordinator der Vereinten Nationen um die humanitäre Hilfe für die Sahel-Region in Afrika. Lanzer war auch im Flüchtlingslager der Stadt Bama. Er mahnte bereits im April: "In Bama sind bis zu 30.000 Menschen. Hunger ist eine Untertreibung, sie stehen vor dem Hungertod. Das wäre wohl die passende Beschreibung."

Diese Frau gehört zu den Flüchtlingen, die ihr Zuhause aus Angst vor Boko Haram verlassen haben. | Bildquelle: AFP
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Diese Frau gehört zu den Flüchtlingen, die ihr Zuhause aus Angst vor Boko Haram verlassen haben.

Neun Millionen Menschen brauchen Nahrung

Die Vereinten Nationen warnten einen Monat später noch einmal eindringlich: In den Staaten Niger, Nigeria, Tschad und Kamerun benötigen mehr als neun Millionen Menschen dringend Nahrungsmittelhilfe. Zum einen, weil der Konflikt mit Boko Haram mittlerweile alle diese Staaten betrifft. Zum zweiten, weil wegen der Kämpfe viele Felder nicht mehr bewirtschaftet werden. Und der Transport über die Straßen der Region ist zu gefährlich. Zum dritten, weil die Region um den Tschad-See seit Jahren stark vom Klimawandel betroffen ist. Auch das wirkt sich negativ auf die Nahrungsmittelproduktion in der gesamten Region aus.

In den Flüchtlingscamps von Nigeria oder im Nachbarstaat Niger leiden die Menschen darunter.  Aber nicht nur in den Lagern ist die Situation extrem schwierig. Die Stadt Maiduguri im Nordosten Nigerias sei besonders betroffen, sagt Lanzer: "Das war bisher eine Stadt mit etwa einer Million Einwohnern. Jetzt sind es 2,6 Millionen. Mehr als anderthalb Millionen Menschen sind in den zurückliegenden Monaten vor Boko Haram geflohen, nach Maiduguri."

Nigeria mit den Städten Abuja und Maiduguri und dem Tschad-See
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Eine Million Menschen lebten früher in Maiduguri - durch die Flüchtlinge ist ihre Zahl auf 2,6 Millionen gewachsen.

Jede Familie hat zwei Flüchtlinge aufgenommen

Zum Vergleich: In die gesamte Bundesrepublik kamen vergangenes Jahr etwas mehr als eine Million Flüchtlinge. In Maiduguri hat jede Familie im Durchschnitt zwei Flüchtlinge aufgenommen und versorgt sie, so gut es eben geht.

Die Vereinten Nationen mahnen: Die Lage im Nordosten Nigerias und in der gesamten Region um den Tschad-See verschlechtere sich dramatisch. Der UN-Beauftragte Lanzer zeigt sich von seinen Begegnungen in Nord-Kamerun beeindruckt: "Es war verstörend, als mich Mütter in Nord-Kamerun anschauten und sagten: 'Wir sind hier so benachteiligt, dass unseren Söhnen oft nur die Option bleibt, Kämpfer in einer Miliz, Menschenhändler oder kriminell zu werden.'"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juni 2016 um 18:00 Uhr

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