Eine Pflegekraft streichelt die Hand eines Senioren. | Bildquelle: dpa

Sterbehilfe in den Niederlanden Gericht spricht Ärztin frei

Stand: 11.09.2019 17:01 Uhr

Zum ersten Mal stand in den Niederlanden eine Ärztin wegen Sterbehilfe vor Gericht. Hatte sie sich des Sterbewunschs ihrer Patientin sicher sein können - trotz alter Patientenverfügung?

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

Dieses Urteil gibt niederländischen Medizinern mehr Rechtssicherheit: Sterbehilfe bei schwer demenzkranken Patienten ist kein Mord, sondern unter Beachtung aller Vorschriften legal.

Im aktuellen Prozess musste sich eine Ärztin verantworten, die bei einer als Alzheimer erkrankten Patientin Sterbehilfe geleistet hatte. Die ältere Frau hatte 2012 die Diagnose erhalten und hielt kurz darauf schriftlich fest, bei fortschreitender Erkrankung lieber sterben zu wollen, als in einem Pflegeheim untergebracht zu werden. Diese Patientenverfügung, so Richterin Mariette Renckens, habe die Frau unterschrieben, als sie noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen sei.

Sterbehilfe in den Niederlanden

In den Niederlanden ist Sterbehilfe seit April 2002 legal. Es war das erste Land weltweit, das Sterbehilfe rechtlich anerkannte.

Die Sterbehilfe muss von dem Betroffenen selbst beantragt werden. Der Antrag muss in vollem Bewusstsein gestellt werden. Jeder Fall wird von einer Kommission einzeln geprüft und genehmigt.

Anspruch auf Sterbehilfe haben nur unheilbar kranke Menschen. Im Gesetzestext lautet die Formulierung: Arzt und Patient müssten zu der Überzeugung gelangt sein, "dass der Zustand des Patienten aussichtslos und sein Leiden unerträglich ist".

Ärztin musste im Sinne der Patientin entscheiden

Als die Patientin 2016 doch in einer Pflegeeinrichtung aufgenommen wurde, soll sie sich laut Anklage widersprüchlich über ihren Sterbewunsch geäußert haben. Doch zu diesem Zeitpunkt, so das Gericht, sei die Frau gar nicht mehr in der Lage gewesen, ihren Willen unmissverständlich zu äußern. In dem Augenblick sei es die Aufgabe der Ärztin gewesen, eine Entscheidung im Sinne der Patientin zu treffen.

"Die Angeklagte ist ihrer Sorgfaltspflicht nachgekommen. Sie hat sich intensiv mit dem Krankendossier der Patientin beschäftigt, zwei weitere Ärzte hinzugezogen und sich mit dem Ehemann und der Tochter der Frau beraten", führte Renckens in der Urteilsbegründung aus.

Laut Staatsanwaltschaft hätte die Gerontologin aber auch noch mal das Gespräch mit der damals 74-jährigen Patientin suchen müssen. Dies nicht getan zu haben, sei ein Fehler gewesen. Diesem Vorwurf wollte die Richterin nicht folgen: "Musste sie dann auch noch die Patientin nach ihrem aktuellen Sterbewunsch befragen? Wir finden, dass die Ärztin dies angesichts des schwer dementen Zustands der Patientin nicht machen musste."

Betroffene wollte sich Leid ersparen

Die Frau sei damals depressiv, ängstlich und aggressiv gewesen. Sie habe nicht mal mehr ihr Spiegelbild erkannt. Vier Jahre zuvor hatte sie in der Patientenverfügung festgehalten, unter solchen Voraussetzungen Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu wollen. Die Entscheidung habe sie sehr bewusst getroffen, so die Richterin, nachdem ihre Mutter zwölf Jahre in einem Pflegeheim verbracht hatte. Dieses Schicksal wollte sie sich ersparen.

An den guten Absichten der Medizinerin hat auch die Staatsanwaltschaft zu keiner Zeit gezweifelt. Sie hatte daher eine Verurteilung, aber ohne Strafmaß gefordert. Es war das erste Mal seit der Legalisierung der Sterbehilfe vor 17 Jahren, dass sich eine Ärztin deshalb vor Gericht verantworten musste. Gegen den Freispruch kann die Anklagebehörde innerhalb von zwei Wochen Berufung einlegen.

Freispruch im Prozess um Sterbehilfe bei Demenz
Ludger Kazmierczak, ARD Den Haag
11.09.2019 16:00 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. September 2019 um 16:25 Uhr.

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