Leeres Corona-Impfzentrum im niederländischen Ort Veghel | AFP

Niederlande Unmut über späten Impfbeginn

Stand: 06.01.2021 03:42 Uhr

Als letztes EU-Land beginnen die Niederlande mit Impfungen gegen das Coronavirus. Ursprünglich sollte es noch später losgehen. Der Starttermin ärgert viele - und mancher denkt über Selbsthilfe nach.

Von Michael Schneider, ARD-Studio Brüssel

Es sind schwierige Zeiten für Hugo de Jonge. Der niederländische Gesundheitsminister steht zum Jahresbeginn von allen Seiten unter Feuer. Öffentlich tut de Jonge das mit einem Schulterzucken ab. Es sei ohnehin egal, was er tue - Kritik gebe es immer. Deshalb wolle er auch nicht vom eingeschlagenen Weg abweichen, sagte der Minister im niederländischen Rundfunk.

In diesem Job kriegst du immer Kritik von allen Seiten. Und deshalb ist es besser, einfach Kurs zu halten - auf dem Weg, den wir gewählt haben. Und davon nur abzuweichen, wenn es wirklich gerechtfertigt ist.
Michael Schneider ARD-Studio Brüssel
Der niederländische Gesundheitsminister de Jonge wird von TV-Journalisten interviewt | AFP

Muss sich unangenehmen Fragen stellen: Minister de Jonge Bild: AFP

Schleppender Start

Doch es geht eben nur sehr gemächlich voran auf dem Weg zur Corona-Impfung. Zwar ist der Impfstoff längst da - seit Anfang des Jahres lagert die erste Ladung in einer südniederländischen Kleinstadt. Doch bis zum Beginn der ersten Impfungen dauerte es Tage, die nationale Strategie soll erst Mitte des Monats anlaufen.

Und das bei bedenklichen Zahlen: Die zweite Corona-Welle hat das Land voll im Griff, zuletzt wurden noch immer 7000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet. Da verlieren einige die Nerven. Am Montagmorgen fuhren drei Männer einer Protestbewegung mit einem Kühllaster beim Impfstofflager vor - sie wollten die Dosen abholen und notfalls selbst mit dem Impfen beginnen.

Ärzte wollen handeln

Aber auch von fachlicher Seite wächst der Druck: In einer Talkshow drängte Intensivmedizinier Diederik Gommers vom Rotterdamer Erasmus-Krankenhaus auf mehr Tempo. Und auch er spielte mit dem Gedanken, die Impfdosen selbst abzuholen: "Wir Krankenhäuser haben die Möglichkeit, das Präparat gut zu lagern und zu verteilen", sagte er. "Deshalb rufe ich dazu auf, uns den Impfstoff so schnell wie möglich zu schicken, damit wir loslegen können."

Impfstofflager in der niederländischen Kleinstadt Oss. | ROBIN VAN LONKHUIJSEN/EPA-EFE/Sh

In dieser Halle in der Kleinstadt Oss wird der Impfstoff gelagert. Bild: ROBIN VAN LONKHUIJSEN/EPA-EFE/Sh

Minister unter Rechtfertigungszwang

Das Gesundheitsministerium ist im Verteidigungsmodus: Es gehöre schließlich viel Logistik dazu, die Impfungen vorzubereiten. Landesweit entstehen gerade Hunderte Impfzentren.

Bei der Reihenfolge immerhin verspricht de Jonge eine Kursänderung. Wenn es losgeht, sollen nicht mehr, wie geplant, betagte Bürger die höchste Priorität bekommen. Als allererstes sollen stattdessen Pflegepersonal und Mediziner die Spritze erhalten. "Unser Kurs bleibt: Zuerst die Schwächsten der Gesellschaft schützen und die, die für sie sorgen. Aber das ist ein kleiner Umweg auf diesem Kurs - um zu verhindern, dass das Gesundheitssystem zu sehr unter Druck gerät", sagt er.

Damit geht das Gesundheitsministerium auf eine Forderung der Ärzte ein. Fraglich ist, ob dieses Zugeständnis reicht. Denn inzwischen ist der verschleppte Impfstart längst ein Politikum in den Niederlanden.

De Jonge musste sich dafür bereits vor dem Parlament verantworten - und wurde heftig angegriffen. Die Opposition fordert nun, ihm die Zuständigkeit für die Impfungen zu entziehen.