Zwei Gleise von oben | Bildquelle: dpa

Transporte in den Niederlanden Bahn entschädigt Holocaust-Opfer

Stand: 28.11.2018 14:54 Uhr

Die niederländische Staatsbahn will Holocaust-Opfern für Transporte in NS-Lager eine individuelle Entschädigung zahlen. Mit der Entscheidung entgeht die Bahn einem Rechtsstreit.

Von Ludger Kazmierczak, ARD-Studio Den Haag

Salo Muller war fünf Jahre alt, als die deutschen Besatzer 1941 seine Eltern verhafteten. Das jüdische Ehepaar wurde mit einem Zug der Niederländischen Staatsbahn von Amsterdam nach Westerbork in ein Durchgangslager gebracht. Später, so Muller, seien seine Eltern in Auschwitz vergast worden.

"Die Niederländische Bahn hat 102.000 Juden transportiert und damit viel Geld verdient", sagt Muller. "Das hat mich sehr wütend gemacht. Dieses Geld musste daher auf die eine oder andere Weise zurückkommen." Und das sei nun passiert.

Ein Mann legt Rosen nieder an der gedenkstätte Westerbork. | Bildquelle: AP
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Mullers Eltern wurden mit einem Zug der Niederländischen Bahn nach Westerbork gebracht. Heute ist das Durchgangslager eine Gedenkstätte.

Bahn verdiente Millionen mit Transporten

Der 82-Jährige hat lange für eine Entschädigung der jüdischen Opfer und ihrer Angehörigen gekämpft. Umgerechnet zweieinhalb Millionen Euro habe die Niederländische Bahn während des Krieges mit den Transporten nach Westerbork verdient. Die Nationalsozialisten, so Muller, hätten die Rechnungen damals aus beschlagnahmtem jüdischen Besitz bezahlt. Ein Teil dieses Geldes soll nun zurück an die Opfer oder deren Familien fließen. Die Bahnfahrten, die Namen der Passagiere und die Kosten sind exakt dokumentiert.

Eine unabhängige Kommission wird auf dieser Grundlage ausarbeiten, wie viele Menschen eine Entschädigung erhalten - und wie hoch sie ausfällt. Bahnchef Roger van Boxtel ist froh, dass sich die beiden Seiten am Verhandlungstisch geeinigt haben und nicht vor Gericht. "Wir würden es unmöglich finden, dieses Thema juristisch auszutragen", sagt van Boxtel.

Bahn unterstützt Gedenkveranstaltungen

2005 hatte sich die Niederländische Bahn für ihr Verhalten während der deutschen Besatzung offiziell entschuldigt. Der Konzern unterstützt außerdem Erinnerungsprojekte und Gedenkveranstaltungen - auch in Westerbork. Aber individuelle Entschädigungen hat das Unternehmen bislang immer abgelehnt. Deshalb sei die jetzige Einigung ein sehr positives Signal, sagt Dirk Mulder, der Leiter der Gedenkstätte Kamp Westerbork.

"Es geht gar nicht so sehr um den Betrag, und wofür das Geld verwendet wird", sagt Mulder. "Es geht vielmehr darum, dass die Niederländische Bahn damit anerkennt, wie viel Leid sie verursacht hat - und wie viel Leid auch nach 1945 geblieben ist."

Das "Niederländische Auschwitz Komitee" begrüßt die Entscheidung der Bahn und hofft, dass andere Unternehmen dem Beispiel folgen werden. Große Konzerne, wie der Elektroriese Philips oder der Projektentwickler Arcadis, hätten im Krieg von Zwangsarbeit profitiert. Auch diese Firmen, so das Auschwitz-Komitee, sollten über eine Geste der Anerkennung jüdischen Leides nachdenken.

Niederländische Bahn entschädigt Holocaust-Opfer
Ludger Kazmierczak, ARD Den Haag
28.11.2018 14:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. November 2018 um 11:15 Uhr.

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