Feuerwerk über Amsterdam | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Wegen Corona-Krise Niederlande verbieten Silvester-Feuerwerk

Stand: 13.11.2020 16:15 Uhr

Als erstes Land Europas sprechen die Niederlande ein vollständiges Feuerwerksverbot zu Silvester aus: Raketen und Böller dürfen weder gekauft noch gezündet werden. Damit soll das Gesundheitssystem entlastet werden.

Von Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Das Silvester-Feuerwerk fällt in diesem Jahr in den gesamten Niederlanden aus: Im ganzen Land dürfen Raketen, Böller und Kracher weder gekauft noch gezündet werden, wie Ministerpräsident Mark Rutte verkündete.

Durch die Corona-Pandemie ist das niederländische Gesundheitswesen derart an die Belastungsgrenze geraten, dass zentrale Stellen das Verbot von Verkaufs und Zündung forderten. Auch die Polizei warnt: Die Erste-Hilfe-Einheiten seien rund um die Jahreswende immer überstrapaziert, und die Corona-Krise erschwere die Versorgung von Patienten ohnehin.  

Auch der Infektiologe Martin Grobusch vom Amsterdamer Universitätskrankenhaus hofft auf Verständnis der Bevölkerung für den tristen Jahreswechsel: "Wir sind an der Kapazitätsgrenze - wir müssen jetzt sicher stellen, dass wir an Silvester keine zusätzlichen Patienten versorgen müssen. Dieses Risiko müssen wir so klein wie möglich halten."

Hunderte Verletzte durch Feuerwerkskörper allein 2019

In Zahlen heißt das: Im vergangenen Jahr verzeichnete die Polizei mehr als 9300 Vorfälle, von denen viele im Zusammenhang mit Feuerwerkskörpern standen. Deshalb plädierte auch die Polizei für ein totales Verbot. Zum vergangenen Jahreswechsel mussten in den Niederlanden 385 Menschen in der Notaufnahme wegen Verletzungen durch Feuerwerkskörper behandelt werden. Weitere 900 Personen suchten nach Verletzungen ihren Hausarzt auf. Außerdem gab es 168 Personen mit Augenverletzungen. Die Polizei und das Gesundheitswesen sind daher zufrieden mit der Entscheidung in Den Haag.

Enttäuschung und Frust hingegen bei der Feuerwerksindustrie. Das Kabinett will den Feuerwerksverkäufern zwar unter die Arme greifen und ein Hilfspaket von 40 Millionen Euro schnüren. Die Händler befürchten dennoch Verluste, weil sie die Feuerwerkskörper bereits gekauft haben und nun auf der Ware festsitzen.

Sie sind verärgert darüber, dass die Entscheidung erst jetzt getroffen wurde. "Ich erwirtschafte drei Viertel meines Jahresumsatzes mit Feuerwerkskörpern. Wird die Regierung das alles ausgleichen?", fragt Großhändler Frits Broks. Auch die Interessengruppe Pyrotechniek Nederland ist der Ansicht, dass es für ein vollständiges Verbot eigentlich zu spät sei und fordert ein "gutes Entschädigungssystem, andernfalls können Konkurse nicht verhindert werden".

Nun blüht der Schwarzmarkthandel, befürchten viele Niederländer

Bleibt die Frage der Durchsetzung und Kontrolle. Die liegt bei der Polizei. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Gerrit van de Kamp, freut sich über die Klarheit für die Verbraucher: "Die Durchsetzung ist natürlich schwierig, wenn man für verschiedene Kategorien unterschiedliche Vorschriften hat. Aber jetzt ist ganz klar: Es ist einfach nicht erlaubt. Punkt."

Feuerwerksverkäufer wie Broks rechnen allerdings nicht damit, dass sich alle an das Verbot halten werden: "Das ist jetzt wunderbar für den illegalen Handel mit Feuerwerkskörpern", meint er. "Sie brauchen nur im Internet zu schauen, und schon können Sie dort die schwersten Feuerwerkskörper kaufen."

Erst im September hatten niederländische und deutsche Polizeibeamte beiderseits der Grenze bei einer gemeinsamen Durchsuchungsaktion 50 Tonnen Massenexplosionskörper im Wert von 750.000 Euro beschlagnahmt, die vermutlich für den niederländischen Privatmarkt bestimmt waren. Auch in der deutsch-niederländischen Grenzregion rechnen viele Bewohner mit Knaller-Großkäufen in Deutschland. Der niederländische Feuerwerksverkäufer Hayo Wolff verlegte sein Unternehmen vor fünfzehn Jahren nach Deutschland. "Das wird eine Goldmine für uns", freut sich der Unternehmer. "Wir stellen bereits eine verstärkte Aktivität auf unserer Website fest."

Bevölkerung begrüßt laut einer Straßenumfrage das Verbot

Eine Straßenumfrage im grenznahen Maastricht allerdings ergab, dass die meisten Niederländerinnen und Niederländer großes Verständnis für das Böllerverbot haben. "Ich wünsche mir, dass das auch in den kommenden Jahren verboten bleibt. Auch über die Corona-Krise hinaus halte ich das für sinnvoll", sagt etwa Evert Kuk. Daisy Smid ergänzt: "Ich finde das eine gute Sache, weil sehr viele Unfälle passieren. Feuerwerke sollten nur von Profis gezündet werden. Aber es wird bestimmt dazu kommen, dass Feuerwerke im Ausland gekauft werden. Da braucht es Grenzkontrollen."

Offiziell ist klar: kein Verkauf, kein Geböller. Offen ist allerdings noch die Frage, wo die bereits bestellten, aber jetzt unverkäuflichen Feuerwerkskörper gelagert werden sollen - und wer diese Lagerung kontrolliert. Es gelten strenge Auflagen, denn die Ware ist ja nicht ganz ungefährlich: Seit der Explosion in der Feuerwerksfabrik in Enschede vor 20 Jahren mit 23 Toten und fast 1000 Verletzten sind die Niederländer mit Feuerwerk ohnehin vorsichtig.

Niederländisches Kabinett beschließt Feuerwerksverbot
Ludger Kazmierczak, ARD Den Haag
13.11.2020 17:39 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. November 2020 um 18:15 Uhr.

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