In Rotterdam werden illegale Böller eingesammelt und weggepackt | Sem van der Wal/EPA-EFE/Shutters

Niederlande Raketen-Rückgabe straffrei

Stand: 30.12.2020 13:02 Uhr

Sie heißen "Thunderking-Katan" oder "Cobra" - hochexplosive Maxi-Böller, die in den Niederlanden verboten und trotzdem Verkaufsschlager sind. Die Regierung hat nun eine Sammelaktion gestartet - mit einem Versprechen.

Von Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel

Die Polizei Rotterdam hat einen Zeltpavillon aufgebaut, Sprengstoffexperte Johan van der Lee wartet auf "Kundschaft" - Menschen, meist junge Männer, die hier ihre illegalen Maxi-Böller und Bengalos abgeben wollen.

Gudrun Engel ARD-Studio Brüssel

"Straffrei" ist dabei die entscheidende Botschaft. Denn die Sprengkörper sind eigentlich verboten, auch wenn es kein komplettes Feuerwerksverbot gibt, wie in diesem Jahr. Aber normalerweise fällt das nicht so auf.

Misstrauen muss überwunden werden

Ein junger Mann nähert sich vorsichtig, die schwarze Kapuze weit ins Gesicht gezogen, dazu den Schal über Mund und Nase. Man kann seiner Körpersprache ansehen, dass er der Sache nicht ganz traut. In seiner Plastiktüte überreicht er sogenannte Cobras - der absolute Verkaufsschlager im Netz, weiß van der Lee, und lässt den Mann wieder abziehen. Die Polizei aber steht zu ihrem Wort: straffreie Abgabe. "Wir haben jetzt in einer Stunde etwa 30 Kilo Cobras, Heuler und auch ganz schön viele Knaller gesammelt. Gut, dass das weg von der Straße ist", freut der Beamte sich.

Die Aktionen in Amsterdam, Rotterdam, Den Haag, Utrecht und Aalst laufen sehr erfolgreich. Bislang wurden mehr als eine Tonne Feuerwerkssprengsätze abgeliefert. Die Bürgermeister der Großstädte hatten beim Justizministerium um die Aktion gebeten. Der Bürgermeister von Velsen-Noord musste sogar den Ausnahmezustand ausrufen, weil Jugendliche mit Feuerwerkskörpern randalierten.

Ein Thema beherrscht die Schlagzeilen

Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen lesen sich wie Horror-Geschichten: "900 illegale Böller bei Geschwindigkeitskontrolle gefunden", "31-Jähriger mit sechs Kilo Krachern in der Tasche festgenommen", "93 Cobras und weitere Böller in Dordrecht unterm Bett gelagert".

Es gab Krawalle in Urk, Rozendaal, Arnheim, IJmond bei Amsterdam: Brandstiftungen, Hilfskräfte wurden mit Feuerwerkskörpern, Steinen und Flaschen beworfen. Das Feuerwerksverbot gilt als direkter Auslöser der Gewalt. Der Tropfen, der das Fass aus Frust, sozialer Ungerechtigkeit, Armut und Lockdown-Langeweile zum Überlaufen brachte. Andere sind einfach Hooligans, die Spaß an den Zerstörungen haben.

Als erstes Land in Europa hatten die Niederlande schon früh in der Corona-Krise das Silvesterfeuerwerk verboten, um die überlasteten Kliniken zu schonen. Das Verbot trifft in der Bevölkerung auf geteiltes Echo.

Traumatische Erinnerungen

Dabei haben die Niederländer traumatische Erfahrungen mit Feuerwerksunglücken: Beim Jahreswechsel vor 20 Jahren starben in Volendam bei einem durch ein Feuerwerk ausgelösten Brand 14 junge Menschen, 223 wurden schwer verletzt - auch damals gerieten die Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen. Auf so viele Brandverletzungen gleichzeitig war das Gesundheitssystem nicht vorbereitet. Die Verletzten mussten bis nach Belgien und Deutschland (Aachen) ausgeflogen werden. Die Niederlande waren damals im kollektiven Schock.

Das Café in dem die meisten der Opfer gefeiert hatten und das durch Feuerwerksfunkenflug in Brand geraten war, gibt es heute noch in den Innenstadt, ausgebrannt, wie es am 1. Januar 2001 zurück blieb. Ein Mahnmal für folgende Generationen.

Die Strafen sind hoch

Die sollen in diesem Jahr auch mit Strafen abgeschreckt werden. Wer Raketen oder Böller kauft oder zündet, muss mit einem Bußgeld von mindestens 100 Euro rechnen und gilt dann sogar als vorbestraft. Auch Kinder bekommen schon Strafen und müssen zum Beispiel stundenweise Müll auf Straßen und Plätzen aufsammeln.

Ärztevertreter hoffen, dass Verbote und Abschreckung Wirkung zeigen. Durch die Pandemie ist das niederländische Gesundheitswesen derart an der Belastungsgrenze, dass man keine zusätzlichen Patienten versorgen könne: "Es geht einfach darum, jede vermeidbare Überbelastung durch abgerissene Finger oder die üblichen Augenverletzungen zu vermeiden", erklärt Martin Grobusch, Professor für Infektiologie an der Uniklinik Amsterdam.

Denn beim letzten Jahreswechsel mussten in den Niederlanden 385 Menschen wegen Feuerwerksverletzungen in die Notaufnahme. Weitere 900 erlitten leichte Verletzungen.

Jugendliche zünden aus Protest gegen Feuerwerksverbot in den Niederlanden kleine Böller an | AFP

Unpopuläre Entscheidung: An vielen Orten wurden in den Niederlanden aus Protest gegen das Feuerwerksverbot kleinere Böller angezündet. Bild: AFP

Es kommt viel zusammen

Bis zum Silvester Mittag stehen Johan van der Lee und seine Kollegen von den Sprengstoff-Dezernaten noch auf zentralen Plätzen in allen Großstädten. Deutlich mehr als eine Tonne explosives Material haben sie innerhalb von 24 Stunden schon gesammelt.

Alle Tüten und Verpackungen werden dann von den Spezialeinsatzkräften der Polizei speziell antistatisch verpackt und in gepanzerten Fahrzeugen abtransportiert. Es gelten höchste Sicherheitsvorkehrungen, erklärt Bert Wijbenga, Rotterdams Stadtdirektor: "Wenn man das lange Zuhause lagert, braucht nur eine Kleinigkeit zu passieren, etwas mit Hitze oder in der Küche, dann hat man ein Risiko, dass das entflammt." Deshalb hofft er, dass noch viele weitere Bürger ihre Feuerwerksvorräte abgeben.

Das gesammelte Feuerwerk wird dann im neuen Jahr fachgerecht entsorgt. Wo und wann will Sprengstoffexperte Johan van der Lee vorsichtshalber nicht verraten.  

Über dieses Thema berichtete am 30. Dezember 2020 das Erste um 13:00 Uhr im ARD-Mittagsmagazin und die tagesschau um 14:00 Uhr.