In dem abgelegenen Hof in den Niederlanden soll eine Familie jahrelang im Keller gehaust haben. | Bildquelle: AFP

Niederlande Mühsame Suche nach der Wahrheit

Stand: 18.10.2019 14:26 Uhr

Der Fall der isolierten Familie auf einem Bauernhof in den Niederlanden bleibt rätselhaft. Beide Männer, unter deren Obhut die sechs Kinder gelebt haben, sind mittlerweile in Haft.

Von Ralf Lachmann, ARD-Studio Kleve

Jetzt wurde auch der mutmaßliche Vater, der mit auf dem einsam gelegenen Bauernhof in Ruinerwold lebte, verhaftet. Ob es sich wirklich um eine Familie handelt, wie sie behaupten, sollen DNA-Tests zeigen. Polizeisprecherin Evelien Aangeenbrug sagte, ihm werde Mittäterschaft vorgeworfen. "Dem mutmaßlichen Vater werden Freiheitsberaubung vorgeworfen und Misshandlung, im Sinne der Gefährdung der Gesundheit der Kinder."

Die Ermittler vermuten laut der Polizeisprecherin, dass die sechs Kinder dort nicht aus freiem Willen geblieben sind: "Freiheitsberaubung muss aber nicht heißen, sie waren eingesperrt. Im Gehöft konnten sie sich wohl frei bewegen. Aber sie durften offenbar nicht weg."

Große Summe Bargeld gefunden

Die Ermittler haben auf dem Bauernhof mindestens 100.000 Euro in bar gefunden. Wo das Bargeld herkommt, ist unklar. Deshalb geht es auch um den Vorwurf der Geldwäsche. Bevor die Familie neun Jahre in Ruinerwold abgetaucht war, lebte sie im rund 30 Kilometer entfernten Hasselt. Dort waren der ebenfalls festgenommenen Österreicher und der mutmaßliche Familienvater Wand an Wand Nachbarn in einer Reihenhaussiedlung.

Ansicht des Bauernhofs | Bildquelle: REUTERS
galerie

Bei der Durchsuchung des Gehöfts wurden größere Bargeldbeträge gefunden.

Sie arbeiteten als Tischler zusammen, stellten Kinderspielzeug aus Holz her. Beide Männer sollen sich schon seit Anfang der 1990er-Jahre kennen. Schon damals habe sich die Familie merkwürdig verhalten, erzählt Sandra Soer, eine frühere Nachbarin aus Hasselt: "Die lebten abgeschirmt. Wenn sie mal kurz raus kamen, verschwand die ganze Familie schnell in ihrem Kleinbus, fuhr weg." Sie habe gedacht, er brächte die Kinder zur Schule, eine Stunde später sei er wieder zuhause gewesen.

"Mir schienen sie einer Sekte anzugehören"

Tatsächlich waren die Kinder nicht in der Schule. Nicht mal bei der Gemeinde gemeldet. Die Ex-Nachbarin erzählt: "Mir schienen sie einer Sekte anzugehören. Er sah auch ein bisschen aus wie Jesus. Sehr langer Bart, langes Haar. Auch die Kinder. Alle langhaarig. Man konnte nicht erkennen, ob es Mädchen oder Jungen waren." Eines Tages habe ein Zettel an der Tür der Großfamilie gehangen. Darauf habe gestanden: "Meine Frau ist tot, fragen sie bitte nicht."

Daraufhin habe sie Blumen gekauft, um zu kondolieren, erzählt die Frau. Aber es habe niemand aufgemacht. Irgendwann habe er erzählte, dass seine Frau an Darmkrebs verstorben sei: "Komisch. Ich hatte hier keinen Krankenwagen gesehen. Keinen Leichenwagen. Niemand weiß, ist sie im Krankenhaus verstorben oder zuhause." Es sei bekannt gewesen, so die Nachbarin Soer, dass alle Kinder zuhause geboren wurden: "Und immer war nur der Vater dabei, nie ein Arzt! Also, sie haben alles selbst gemacht."

"Wie konnten sie unter dem Radar bleiben?"

Dem plötzlichen Tod der Mutter geht die Polizei jetzt auch nach. In Runierwold hatte sich Roger de Groot, der Bürgermeister, mit den Bewohnern getroffen, um den Vorfall zu besprechen. Alle seien fassungslos, sagt der Rathauschef: "Es gibt dieses Gefühl, wie kann so etwas hier passieren. Hätte man was tun können, was ist uns entgangen?" Es sei unverständlich, wie wie alle unterm Radar haben bleiben können, so der Bürgermeister.

Möglicherweise sollen beide festgenommenen Männer der Moon-Sekte angehören. Diese bestätigte inzwischen nur, dass der verhaftete Niederländer einmal Mitglied war, aber schon lange ausgetreten sei. Den Österreicher aber will die Sekte angeblich nicht kennen. Der Fall bleibt rätselhaft.

Familie auf Bauernhof isoliert: Immer mehr Fragen
Ralf Lachmann, ARD Den Haag
18.10.2019 13:27 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. Oktober 2019 um 10:45 Uhr.

Darstellung: