Gastronomie-Protest Niederlande | AFP

Protest in den Niederlanden "Das Statement ist gemacht!"

Stand: 02.03.2021 16:47 Uhr

In mehr als 65 niederländischen Städten haben Einzelhändler und Gastronomen kurzzeitig ihre Geschäfte und Außenbereiche geöffnet, um gegen die Corona-Auflagen zu protestieren. Sie fordern eine Perspektive.

Ludger Kazmierczak ARD-Studio Den Haag

Ludger Kazmierzcak, ARD-Studio Den Haag

Für Harrie van der Velde fühlte es sich gut an. Pünktlich um 9.30 Uhr öffnete der Geschäftsmann seine Modeboutique in Klazienaveen, einem Grenzstädtchen unweit von Meppen. Eigentlich ist bis zum 15. März nur Click and Collect erlaubt, doch der Einzelhandel brauche eine Perspektive, sagt van der Velde.

Wie er empfingen auch 100 weitere Geschäftsleute in der Stadt erstmals seit Mitte Dezember wieder Kunden - ungeachtet eines drohenden Bußgeldes. "Wenn du es schwer hast als Einzelhändler und du um Hilfe und Aufmerksamkeit schreist, dass du dann ein Bußgeld über 4.000 Euro bekommst, das kann ich mir nicht vorstellen" sagte van der Velde.

"Ein großer Erfolg"

Doch nur eine Stunde später war van der Veldes Laden schon wieder dicht. Auch Harry Omlo rollte um kurz nach zehn die Ständer mit den Postkarten zurück in sein Geschäft. So hätten es die Einzelhändler untereinander abgesprochen, erklärt der Buchhändler.

"Wir haben gerade über eine WhatsApp Gruppe die Nachricht bekommen, dass wir freundlich gebeten werden, wieder zu schließen. Dem Aufruf folgen wir. Sonst kommt wahrscheinlich das Ordnungsamt. Ich finde es schade, aber wir haben auf jeden Fall ein Statement gemacht. Für mich ist das ein großer Erfolg. Und jetzt ist es Sache der Politik, zu reagieren."

Hoffnung auf eine Reaktion der Politik

Dass die Politik bald reagiert, hoffen auch die Kunden, die in Klazienaveen letztlich doch vor verschlossenen Türen standen. Sie finden, dass die Regierung mit zweierlei Maß misst. Eine Kundin fragt: "Warum geht das im Supermarkt, und hier nicht? Wenn du doch nur ein paar Kunden gleichzeitig hereinlässt. Wir tragen alle brav einen Mundschutz und halten Abstand." Und ein anderer Kunde sagt: "Im Supermarkt stehen alle dicht gedrängt. Das ist doch lächerlich. Ich fühle mich im Supermarkt unsicherer als hier."

Applaus auf offenen Außenbereichen

Auch viele Gastronomen schlossen sich der Protestaktion an. Sie öffneten vorübergehend ihre Außenterrassen. Wie das Café Boerke Verschuren in Breda. Als dort die ersten Weine und Biere serviert wurden, fingen die Gäste an zu jubeln und zu klatschen. Auch Robbie Welling im grenznahen Doetinchem hat seine Tische und Stühle rausgeholt und die Terrasse für die Freiluftsaison hergerichtet. Gäste empfängt er vorerst zwar nicht, aber er will ein Zeichen setzen.

Seiner Ansicht nach sind Café- und Restaurantbesucher besser vor Corona geschützt, als Supermarkt-Kunden oder Spaziergänger in überfüllten Parkanlagen. "Wir können das regulieren und steuern, wir registrieren die Namen der Kunden, sorgen für Abstand und Desinfektionsspray. Wir tun alles für die Sicherheit unserer Gäste, und das wollen wir zeigen."

Polizei reagiert kulant

Wer nicht freiwillig wieder schließen wollte, wurde von der Polizei nach spätestens anderthalb Stunden dazu gezwungen. Freundlich, aber bestimmt, jedoch ohne Verhängung von Bußgeldern. Die Geschäftsleute hoffen nun, dass die symbolische Öffnung der Gastronomie und des Einzelhandels Wirkung zeigt. Ab Mitte März wollen sie definitiv wieder öffnen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. März 2021 um 16:41 Uhr.