Proteste von Regierungsgegnern in Managua am 26. Mai 2019 | Bildquelle: AP

40 Jahre Revolution in Nicaragua Die Kinder der Sandinisten lehnen sich auf

Stand: 21.07.2019 13:15 Uhr

Es sind die Söhne und Töchter der Revolutionäre, die in Nicaragua gegen das Regime protestieren - und gegen den einstigen Revolutionsführer Ortega. Eine Reportage aus Nicaragua - 40 Jahre nach dem Sieg der Sandinisten.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko

"Die Kugeln sind hier eingedrungen. Mein Sohn wurde am Kopf getroffen. Das ganze Kirchengrundstück war von schwer bewaffneten Paramilitärs umzingelt und die Studenten hatten nur Steine." Susana weist auf die kastaniengroßen Einschusslöcher in den Wänden der Kirche. Sie kann nur mit Mühe ihre Tränen zurückhalten. Ihr Sohn Gerald, gerade mal 20 Jahre alt, hat den Schuss nicht überlebt.

Etwa 150 Studenten hatten sich vor rund einem Jahr in die Kirche geflüchtet, Schutz vor den regierungsnahen Paramilitärs gesucht. Die Parroquia Divina Misericordia - die Pfarrei der Göttlichen Barmherzigkeit - befindet sich unweit der UNAN, der Universität von Managua, die die Studenten aus Protest besetzt hatten.

Nicaragua in der Krise

Am 19. Juli 1979 stürzten die Sandinisten mit Daniel Ortega an der Spitze die Somoza-Diktatur in Nicaragua. Große Hoffnungen waren mit der Revolution verbunden. Vier Dekaden später befindet sich das Land in einer schweren Krise. Seit 2007 ist der ehemalige Revolutionär Ortega wieder an der Macht, er hat das Land erneut in eine Diktatur geführt. Am 18. April letzten Jahres eskalierte der Widerstand gegen sein korruptes und repressives System. Die Proteste - angeführt von Studenten - ließ er brutal niedergeschlagen. Rund 325 Menschen kamen ums Leben, mehr als 2000 wurden verletzt, 70.000 Menschen sind ins Exil geflohen.

"Wir wollten, dass das Töten aufhört."

Dreizehn Stunden standen sie unter Beschuss, erinnert sich der der 21-jährige Jura-Student Kevin Solís. Drohnen kreisten über ihren Köpfen. Über Präsident Daniel Ortega sagt er: "Er wollte uns zum Schweigen bringen, weil wir Freiheit für unser Land gefordert haben. Wir wollten, dass das Töten aufhört, die Repression. Wir hatten alle Todesangst." Sie hätten keine Waffen gehabt. "Wir hatten nur selbstgebaute Knallkörper und unser Herz."

Pater Raúl Zamora holte sie mit einem Transporter der Kirche aus der Uni heraus, einen nach dem anderen. Immer wieder fuhr er zwischen der Kirche und der Uni hin und her. Niemanden wollte er zurücklassen. Aber er musste zusehen, wie der 20-jährige Gerald Vásquez, Susanas Sohn, in seinem Haus auf dem Gelände der Kirche verblutete. "Er lag im Sterben, seine Augen haben mich völlig erschrocken angeschaut." Diesen Blick werde er nie mehr vergessen.

In dieser Nacht Mitte Juli letzten Jahres kam auch noch ein weiterer Student ums Leben, rund zehn wurden verletzt.

Susana verlor ihren Sohn bei den Protesten im April 2018.
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Susana verlor ihren Sohn bei den Protesten im April 2018. Sie steht vor den Einschusslöchern an dem Ort, wo er durch einen Schuss getötet wurde.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen

40 Jahre nach dem Sieg der Sandinistischen Front der Nationalen Befreiung FSLN über den damaligen Diktator Anastasio Somoza scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Unter dem seit 2007 erneut amtierenden Ortega und seinen Gefolgen, habe sich das Land erneut in eine grausame Diktatur verwandelt, meint der Pater: "Sie verkörpern nun das, was sie selbst so sehr gehasst haben." Es gebe keine Freiräume mehr in Nicaragua, die Leute müssten sich verstecken, die Menschen könnten sich nicht frei äußern.

Viele von denen, die gegen Ortega demonstrieren, sind Söhne und Töchter von Sandinisten. Es sind die Kinder von Revolutionären, die in den 70er-Jahren für die Freiheit Nicaraguas gekämpft hatten.

Proteste in Nicaragua | Bildquelle: AFP
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Protest gegen die Regierung Ortegas im März 2019

Ortegas Familiendiktatur

Die Hoffnungen von damals haben sich für die preisgekrönte nicaraguanische Schriftstellerin und ehemalige Revolutionärin Gioconda Belli nicht erfüllt. "Der Sandinismus von 1979 war sehr idealistisch, wir glaubten an eine bessere Welt, soziale Gerechtigkeit, eine neue Gesellschaft. Wir wollten nichts nach sowjetischem oder kubanischem Vorbild aufbauen, sondern etwas Eigenes für Nicaragua schaffen."

Seit zwölf Jahren regiert Ortega erneut das Land. Für seine dritte Amtszeit setzte er sich über die Verfassung hinweg.

Er habe sich von einem Revolutionsführer zu einem Despoten entwickelt, sagt Gioconda Belli. Es sei ein schleichender Prozess gewesen, Bürger- und Menschenrechte seien immer mehr eingeschränkt worden.

Zusammen mit seiner Frau Rosario Murillo, die er zur Vizepräsidentin gemacht hat, kontrolliere Ortega das Land. Auch seine Kinder hätten wichtige Positionen in der Wirtschaft und in den Medien: eine Familiendiktatur.

Ehepaar Ortega nach der Stimmabgabe in Managua | Bildquelle: AP
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Ortega mit Ehefrau und Vizepräsidentin Rosario Murillo: Kritiker werfen ihm vor, dass er wichtige Posten an Ehefrau und Kinder vergab.

April 2018: Proteste brutal niedergeschlagen

Man fühle sich wieder in die Zeit der Diktatur von Somoza zurückversetzt, sagt Gioconda Belli. "Seit einem Jahr - seit April 2018, als die Proteste im Land begannen - erleben wir hier eine schwierige Zeit mit vielen Toten, als hätten wir Krieg." Auch mit der Wirtschaft gehe es bergab. Die Schriftstellerin beschreibt ihre Besorgnis und spricht von einer Krise, die nicht enden wolle.

Im April letzten Jahres war es in Nicaragua zu massiven Protesten gekommen. Auslöser war die Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge und eine Rentenreform. Proteste, die von Ortega brutal niedergeschlagen wurden. 325 Tote, mehr als 2000 Verletzte gab es laut Interamerikanischer Menschenrechtskommission. Rund 70.000 Menschen flüchteten ins Exil, viele davon nach Costa Rica.

Es gibt keine Pressefreiheit mehr, über Monate wurden Zeitungen nicht mit Papier beliefert, damit sie nicht gedruckt werden können. Demonstrationen sind auch jetzt noch verboten.

Demonstranten in Managua m April 2018 . | Bildquelle: JORGE TORRES/EPA-EFE/REX/Shutter
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325 Tote und mehr als 2000 Verletzte hat es laut Interamerikanischer Menschenrechtskommission bei den Protesten im April 2018 gegeben.

Geld für die Armen - und Ortegas Taschen

Der Straßenhändler Santos will von all dem nichts hören. Der 56-Jährige sitzt vor seinem kleinen Haus mit Wellblechdach, zwei Blöcke von der Uni entfernt. Er verkauft geschnittene Mangos und Getränke, die er in einem Bottich mit Wasser kühlt. Davon könnten seine Frau und er gerade so überleben, sagt er.

Zum Schutz vor der Sonne trägt Santos eine tarnfarbene Mütze, FSLN steht vorne in schwarzen und roten Buchstaben darauf - "Frente Sandinista de Liberación Nacional". "Ich unterstütze Ortega, weil er einfach eine gute Regierung stellt", sagt er. Aber es gebe Extremisten in unserer Gesellschaft, die ihn nicht regieren lassen wollten. "Vieles was die Regierung erreicht hat, haben sie zerstört." Aber viele Menschen hätten von der Regierung profitiert. Er habe auch ein kleines Grundstück bekommen.

Ortega machte den Armen Geschenke, vor allem mit Geld aus Venezuela. Geld, das - wie seine Kritiker sagen - auch in Ortegas eigene Taschen floss. Doch mit der Krise in Venezuela ist diese Geldquelle versiegt.

Der Straßenhändler Santos in MAnagua vertedigt Ortegas Politik.
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"Ich unterstütze Ortega, weil er einfach eine gute Regierung stellt", sagt der Straßenhändler Santos.

Opposition fordert Neuwahlen

Santos hofft, dass die Gewalt und das Chaos bald ein Ende haben. Doch der Dialog zwischen Opposition und Regierung wurde immer wieder ausgesetzt. In den letzten Monaten hat Ortega laut der Opposition mehr als 100 politische Gefangene aus der Haft entlassen, rund 80 sind noch im Gefängnis. Viele stehen allerdings noch unter Hausarrest, haben nach wie vor Angst, verfolgt zu werden.

Die Regierungsgegner fordern Neuwahlen und Ortegas Rücktritt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup im Mai dieses Jahres würden 62 Prozent der Nicaraguaner vorgezogene Wahlen befürworten. 77 Prozent sind der Meinung, dass das Land in eine falsche Richtung steuert.

Aufgeheizte Stimmung in der Kirche

In der Kirche "Divina Misericordia" in Managua findet an diesem Tag ein Trauergottesdienst für die Studenten statt, die die Schüsse der Paramilitärs vor einem Jahr in der Kirche nicht überlebt haben: Gerald José Vásquez und Franzisco Flores.  

Das Grundstück ist umzingelt von schwer bewaffneten Polizisten. An der Hauptstraße stehen die Pickups der Sicherheitskräfte Spalier. Vor der Kirche haben sich Studenten und Angehörige versammelt. Einige haben sich mit Tüchern vermummt.

Sie skandieren: "Gerald ist nicht einfach gestorben, die Regierung hat ihn umgebracht. Es waren Studenten, keine Verbrecher."

Die Stimmung ist aufgeheizt. Plötzlich knallt es zwei Mal ohrenbetäubend. Doch es stellt sich heraus, dass es lediglich Böller sind, die auch bei Prozessionen verwendet werden.

Protest vor der Kirche in Managua
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Protest gegen Die Regierung des einstigen Revolutionsführers Ortega vor der Kirche "Divina Misericordia" in Managua.

Die Krise spaltet Familien

Auch der Jura-Student Kevin ist zum Gedenkgottesdienst seiner Kommilitonen gekommen. Mehr als ein halbes Jahr saß er als politischer Gefangener in Haft. Sein Leben sei ein Chaos.

Seine Familie habe sich wegen meiner politischen Haltung von ihm distanziert. "Sie sind Sandinisten. Als ich aus dem Gefängnis angerufen habe, haben sie nicht geantwortet", erzählt er. Aber er habe eine größere Familie gewonnen, Menschen, die das gleiche erreichen wollten wie er.

Regimegegner Susana und Kevin zusammen vor der Kirche "Divina Misericordia" in Managua
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Seine Familie wandte sich von ihm ab, als er in Haft saß, erzählt der Student Kevin. Aber er habe eine neue Familie gefunden, dazu gehört Susana.

Die politische Krise hat viele Familien gespalten. Kevin will weiter protestieren, auch wenn Demonstrationen auf der Straße verboten sind.

"Ich habe keine Angst. Ich habe schon einmal fast mein Leben verloren, sie haben uns ohne Grund verhaftet, geschlagen, gefoltert und ich weiß nicht, ob sie mir wieder etwas antun werden. Heute zeigen wir wieder Gesicht. Da draußen warten die Leute von Ortega nur darauf, dass wir rauskommen, das Kirchengelände verlassen. Ich werde weiter protestieren bis ich keine Luft mehr bekomme, solange Gott will, dass ich lebe. Bis wir siegen und der Diktator endlich geht."

Nicaragua vor 40 Jahren: Die vergessene Revolution
Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
21.07.2019 11:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Juli 2019 um 13:30 Uhr.

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