Fußball-Geisterspiel im Nationalstadium von Managua | Bildquelle: Jorge Torres/EPA-EFE/Shutterstoc

Nicaraguas Sonderweg Land fast ohne Corona - angeblich

Stand: 11.04.2020 13:53 Uhr

Nicaragua geht einen gefährlichen Weg in der Coronakrise: Die Schulen sind offen, die Fußballliga läuft weiter. Die Regierung organisiert sogar Events. Menschenrechtler und Kirche protestieren.

Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mittelamerika

Hochmotiviert klingt der Fußballkommentator. Aber er muss allein schreien: Die Zuschauertribünen sind leer. Trotz Coronavirus gehen die Spiele der ersten Liga Nicaraguas weiter.

Offiziell ist die Zahl der Infektionen sehr niedrig: Zu Wochenbeginn gab es angeblich nur sechs Erkrankte. Davon abgeleitet verkündet die Regierung Daniel Ortegas und seiner Frau, der Vizepräsidentin Rosario Murillo, es sei nicht nötig, zuhause zu bleiben. Die katholische Kirche und Menschenrechtsorganisationen wie das Cenidh protestieren und werfen dem Regime Geheimniskrämerei und Verantwortungslosigkeit vor. Regierungsunabhängige Informationen über die Ausbreitung des Virus werden unterdrückt.

Es ist eine andauernde Verletzung des Rechts auf Gesundheit, selbst auf das Recht zu Leben“, sagt Cenidh-Präsidentin Vilma Nuñez. Die Regierung weigere sich, den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation nachzukommen. "Ganz im Gegenteil, sie fördert Aktivitäten, die gegen alle Sicherheitsmaßnahmen verstoßen und damit ein Risiko für die Bevölkerung darstellen."

Regierung organisiert Festival und Schönheitswettbewerb

So hält die Regierung an den Veranstaltungen in den Osterferien fest: Am Palmsonntag fand der so genannte "Marathon der Liebe" statt, weil Sport gesund sei. Es folgen ein Sommermusikfestival mit internationalen Künstlern, ein Schönheitswettbewerb und Messen unter freiem Himmel. Die katholische Kirche allerdings hat ihre Veranstaltungen abgesagt und ruft die Bevölkerung auf, zuhause zu bleiben.

Die staatliche Tourismusagentur dagegen wirbt für Reisen durchs Land. Die Grenzen sind offen. 

"…besuchen wir uns, lernen wir unser Land besser kennen, Liebe für alle", heißt es in einem Spot zur Semana Santa.

Daniel Ortega und Rosaria Murillo auf einem Plakat in Nicaraguas Hauptstadt Managua | Bildquelle: REUTERS
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Vizepräsidentin Rosario Murillo ist in der Krise omnipräsent - aber von ihrem Mann Daniel Ortega ist nichts mehr zu hören.

"Wir müssen unsere Familien besuchen"

Liebe ist das große Thema von Vizepräsidentin Murillo. Sie gilt als heimliche Regierungschefin, weil ihr Mann kaum noch in Erscheinung tritt. Seit Ankunft des Coronavirus ist er vollständig abgetaucht und nährt damit Spekulationen über seinen Gesundheitszustand oder gar sein Ableben. Nur Murillo hält regelmäßig Ansprachen an das Volk. Die pastoralen, liebegetränkten Reden am Telefon, werden vom regierungstreuen Fernsehen und Radio übertragen.

Murillo sieht nach eigenen Worten wegen der Pandemie keinen Grund zur Sorge:

"Wir gehen vereint den Weg der christlichen Brüderlichkeit. Diese Osterwoche ist eine Woche der Hoffnung auf die Wiederauferstehung, der Begegnung, des ständigen wiedergeboren Werdens. Wir müssen durch Straßen, Städte und übers Land pilgern, unsere Familien besuchen, um gemeinsam zu beten.“

Wo ist Ortega?

Dabei müsse man die Vorsichtsmaßnahmen einhalten, die in diesen Zeiten notwendig seien. Aber welche das sein sollen, sagt sie nicht. Sie betont, dass ihr Mann das Land regiere. Nur hat er sich bislang nicht zum Coronavirus geäußert.

Längst schütze er sich auf einer Privatinsel vor Ansteckung, mutmaßen Dissidenten.

Ostern ohne Corona: Nicaragua ignoriert das Virus
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko-Stadt
11.04.2020 13:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. April 2020 um 10:00 Uhr.

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