Menschen nehmen an einem Protestzug der katholischen Kirche in Nicaragua teil. | Bildquelle: REUTERS

Konflikt in Nicaragua Protest mit geistlichem Segen

Stand: 29.07.2018 13:45 Uhr

Seit Monaten tobt in Nicaragua ein blutiger Protest gegen Staatschef Ortega. In der Mitte der Demonstranten: Priester. Die katholische Kirche im Land ist politisch - das hat Tradition.

Von Christina Fee Moebus, ARD-Studio Mexiko

Weißer Vollbart, Baskenmütze und statt Priestergewand Klamotten in olivgrünen Tarnfarben: Ernesto Cardenal ist das bekannteste Gesicht der sandinistischen Revolution - damals in der 1970er-Jahren. Ein Revolutionär, der sich auf Gott beruft, irgendwo im Regenwald in Nicaragua. Vor ihm bewaffnete Guerillakämpfer. Sie sitzen auf der Erde und hören dem Geistlichen gebannt zu: "Mit Christus begann das revolutionäre Denken", sagte Cardenal. "Wo es eine Revolution gibt, hat das Gericht begonnen. Alle diese Waffen sind Waffen für Christus, der arm war. Um dem Kleidung und Bildung und Essen zu geben, der nichts hat."

Cardenal ist ein Vertreter der sogenannten Befreiungstheologie - eine überwiegend katholische Strömung, die vor allem in Lateinamerika linke Bewegungen unterstützte. So eben auch die in Nicaragua. Gemeinsam kämpfte Cardenal mit dem heutigen Staatschef Daniel Ortega gegen die Somoza-Diktatur. Danach wurde der Revolutionär zum Kulturminister ernannt.

Dichter und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal aus Nicaragua | Bildquelle: picture alliance / Henning Kaise
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Ernesto Cardenal ist Lyriker, Befreiungstheologe und Ikone der Linken weltweit.

Nicaraguas Kirche ist politisch

Dass katholische Geistliche in dem zentralamerikanischen Land - wie aktuell - auch eine dezidiert politische Haltung einnehmen, hat gewissermaßen Tradition. Allerdings: Die katholische Kirche trat selten mit einer Stimme auf. Cardenal zum Beispiel distanzierte sich schon in den 1990er-Jahren von Ortega. Zu autoritär war ihm sein Führungsstil geworden.

Die Befreiungstheologen sind im heutigen Nicaragua aus dem öffentlichen Bild verschwunden. Ganz anders der konservative Flügel der Kirche. Er stand dem Präsidenten zwar kritisch gegenüber. Aber paktierte trotzdem mit ihm, wie der Politikwissenschaftler Rubén Aguilar im mexikanischen Fernsehen erklärte: "Die katholische Kirche ist lange als Komplize von Ortega aufgetreten. Unterwürfig und ausgeliefert war sie. Im Gegenzug gab es kleine Gefälligkeiten von Ortega wie das absolute Abtreibungsverbot." Aber die jetzigen Kirchenvertreter spielten eine außergewöhnliche Rolle für den Schutz der Menschen.

Viele Geistliche gehen zur Zeit zusammen mit den Protestlern auf die Straße. Nicht für, sondern gegen den ehemaligen Revolutionsführer. Seit Mitte April kommt das Land nicht zur Ruhe. Damals hatte Ortega eine studentische Protestaktion blutig niederschlagen lassen.

Demonstration Nicaragua | Bildquelle: RODRIGO SURA/EPA-EFE/REX/Shutter
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Auslöser der Massenproteste gegen Staatschef Ortega: Rentenkürzungen.

450 Tote in drei Monaten

Nicaragua versinkt in Gewalt. Knapp 450 Tote hat es laut Menschenrechtlern in den letzten drei Monaten gegeben, weitgehend junge Menschen, die an Protestmärschen teilgenommen oder Straßenbarrikaden errichtet hatten. Aber auch Geistliche wurden Ziel von Anschlägen. Kardinal Leopoldo Brenes wurde von Schlägertrupps verletzt, ein anderer Bischof in seinem Auto beschossen.

Die Angriffe auf Geistliche seien erstunken und erlogen, behauptet indes Präsident Ortega. Mehr noch: Bei einer Rede vor seinen Anhängern sagte der ehemalige Revolutionär: Die Bischöfe seien Teil des Putsches gegen ihn. "Viele Gotteshäuser wurden als Kartelle missbraucht, als Waffenlager, mit Bomben und als Stützpunkt, um Menschen anzugreifen und zu töten", sagte Ortega.

Vermittler oder Putschist?

Die Vorwürfe weisen Vertreter der katholischen Kirche wie der Priester Erick Alvarado zurück: Die Kirche habe nie einen Putsch unterstützt. Sie sei vielmehr Vermittler im Dialog zwischen Regierung und Opposition, so wie es die Regierung auch gewollt habe. "Wir haben beiden Seiten Raum gegeben, um zu einem Kompromiss zu kommen. Das Ziel der Kirche ist immer Frieden", sagte Alvarado.

Dieser Dialog ist allerdings seit Wochen auf Eis gelegt. Und es sieht auch nicht so aus, als würden die opponierenden Parteien sich in näherer Zukunft wieder an einen Tisch setzen. Währenddessen dreht sich die Gewaltspirale weiter. In diesem Konflikt scheint nichts mehr heilig.

Nicaragua - Katholische Kirche zwischen Vermittlung und Protest
Christina Fee Moebus, ARD Mittelamerika und Karibik
29.07.2018 13:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 29. Juli 2018 um 05:45 Uhr.

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