Ein einzelner Mann sitzt in einem sonst leeren Waggon der New Yorker U-Bahn. | Bildquelle: AFP

New Yorks U-Bahn und Corona So sauber, so leer - so pleite?

Stand: 12.06.2020 10:41 Uhr

Dreckig, marode, überfüllt - das war New Yorks U-Bahn vor Corona. Jetzt sind die Waggons sauber wie nie - aber auch leer. Keine Fahrgäste heißt: keine Einnahmen. Bleibt die U-Bahn auf der Strecke?

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Am ersten Tag der vorsichtigen Wiedereröffnung der Millionenmetropole ließ sich New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo sogar dazu herab, medienwirksam U-Bahn zu fahren. Sonst lässt sich Cuomo mit der gepanzerten Limousine von seinem Amtssitz in Albany in sein Büro in Manhattan bringen.

Aber für ein paar tolle Bilder begibt sich auch der Gouverneur mal in den Untergrund. Seine Botschaft: U-Bahn-Fahren ist sicher.

"Alle U-Bahn-Waggons sind desinfiziert worden. So etwas hat es noch nie gegeben. Normalerweise gibt es immer Klagen darüber, wie dreckig die Wagen sind. Jetzt sind sie sogar desinfiziert", freut sich Cuomo. "Nicht mal meine Badezimmer zu Hause sind desinfiziert. Aber die U-Bahn, die Vorort-Züge und die Busse in der Stadt sind es."

New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo bei seiner U-Bahn-Fahrt mit Pressebegleitung | Bildquelle: AFP
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New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo bei seiner U-Bahn-Fahrt mit Pressebegleitung

Als Gouverneur ist Cuomo der Chef der MTA, die den öffentliche Nahverkehr in New York betreibt. Durch die Corona-Pandemie und die weitreichenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens sind die Fahrgastzahlen um mehr als 90 Prozent geschrumpft.

Chronisch unterfinanziert

Die ohnehin chronisch unterfinanzierte MTA steht vor der Pleite, sagt Nicole Gelinas vom Thinktank Manhattan Institute: "Die Hälfte des Budgets kommt aus den Fahrkarten-Erlösen. Aber die U-Bahnen sind leer, die MTA hat kaum Einnahmen daraus. Und die andere Hälfte kommt aus Steuereinnahmen des Bundesstaates." Aber auch die sind durch die Folgen der Pandemie dürftig. Schon vor der Corona-Krise drückte sich Cuomo vor Investitionen in den Nahverkehr.

Veraltetes Signalsystem

Ende Januar schmiss der als Krisenmanager gefeierte U-Bahn-Chef Andy Byford nach zwei Jahren entnervt hin. Auf ihm lagen alle Hoffnungen, dass aus dem völlig maroden System doch noch ein halbwegs effizienter Nahverkehr werden könnte, sagt Steven Cohen von der Columbia University: "Das Hauptproblem der New Yorker U-Bahn ist, dass das Signalsystem aus den 1930er-Jahren des vergangen Jahrhunderts stammt. Überall sonst auf der Welt können viel mehr Züge auf Strecke geschickt werden. Das ginge auch hier, wenn man in die Infrastruktur investieren würde. Dann wären die Züge auch nicht mehr so überfüllt."

Hoffnungslos überfüllte Waggons

Vor Corona quetschten sich jeden Tag acht Millionen Menschen in die Waggons und Busse. Zu Stoßzeiten waren die U-Bahnen so überfüllt, dass sie gar nicht mehr anhielten und Pendler schon mal eine halbe Stunde auf einen einigermaßen leeren Zug warten mussten. Auch ein Grund dafür, dass sich das Coronavirus so schnell in New York verbreiten konnte.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC rät bereits, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr zu benutzen. Eine Katastrophe, sagt Jacob Faber von der New York University: "Meine Sorge ist, dass jetzt noch mehr Menschen aufs Auto umsteigen. Und das Schlimmste wäre, wenn die U-Bahn dann ein Verkehrsmittel nur noch für arme Afroamerikaner und Hispanics wird, die sich kein Auto leisten können. Denn dann würde die Unterstützung für den öffentlichen Nahverkehr noch mehr zusammengestrichen."

Finanzierung unklar

Gouverneur Cuomo hält sich bedeckt, was die Zukunft der MTA betrifft und fordert finanzielle Unterstützung aus Washington, die allerdings nicht besonders wahrscheinlich ist.

Sonst hat er nur einen Rat für die New Yorker Pendler in der Nach-Corona-Zeit: "Wenn der Zug voll ist, warten Sie einfach auf den nächsten."

Mobilität in New York
Peter Mücke, ARD New York
12.06.2020 08:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juni 2020 um 17:22 Uhr.

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