Das 4-Sterne-Hotel Belleclaire wurde im Rahmen eines städtischen Programms auch zu einem Obdachlosenhotel. Gleich nebenan eine französische Bäckerei in der gediegenen Upper West Side

New Yorks Upper West Side Wenn die Armut in die Nachbarschaft zieht

Stand: 25.08.2020 18:48 Uhr

Die Bewohner von New Yorks Upper West Side gelten als liberal und offen. Doch dass wegen des Coronavirus nun Obdachlose in den Hotels einquartiert werden, spaltet das Viertel.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Das "Lucerne" ist ausgebucht. Doch die Gäste des Vier-Sterne-Hotels in New Yorks Upper West Side sehen anders aus als sonst. "Es ist nicht so, dass wir hier sind, weil wir hier sein wollen", sagt ein Mann in zerrissenen Jeans und offenem Hemd auf der blankpolierten Marmortreppe. Der Mann Mitte Vierzig neben ihm, der sich als Michael vorstellt, korrigiert: "Es ist besser, als auf der Straße zu schlafen".

Michael weiß, wovon er redet: Er hat oft auf der Straße gewohnt, Schlange gestanden für einen Platz in einer Obdachlosenunterkunft. Bis die Corona-Pandemie kam - und die Stadt die Unterkünfte schloss und die Leute in die von der Pandemie leergefegten Hotels einquartierte. Dort sollen die Obdachlosen besser vor dem Coronavirus geschützt sein. "Mir geht’s gut", sagt Michael dazu. "Ich weiß: Nicht jeder hier ist glücklich über die Situation."

Das Luxushotel "The Lucerne" in New Yorks Upper West Side lässt Obdachlose in seinen Zimmern schlafen. | Bildquelle: REUTERS
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Das Luxushotel "The Lucerne" in New Yorks Upper West Side lässt Obdachlose in seinen Zimmern schlafen.

Die Menschen, die im Viertel wohnen, sind es nicht: Irritiert schauten sie, als der Bus immer wieder mit neuen Gästen vor den Säulen des roten Sandsteinbaus hielt und die Männer ausspuckte - mit ihren Tüten, zerbeulten Koffern oder nur mit dem, was sie am Leibe trugen.

283 Obdachlose in drei Tagen bezogen die Räume, die sonst umgerechnet rund 200 Euro die Nacht kosten. Und sie brachten die Nachbarschaft an ihre Grenzen: "Unter ihnen sind psychisch Kranke. Sie laufen da draußen rum. Sind gewaltbereit. Das berührt hier die Lebensqualität", sagt eine Anwohnerin. Ein anderer Bewohner des Viertels erzählt: "Ich beobachte offenen Drogenkonsum. In den Hauseingängen liegen Nadeln und Flaschen. Das kann ich nicht akzeptieren."

Facebook-Gruppe "für sichere Straßen" hat Zulauf

Das Viertel am Rand des Central Parks gehört zu den liberalsten der Stadt: Intellektuelle, Künstler, Nobelpreisträger leben dort. Keiner wählt hier Donald Trump. Die "New York Times" ist Pflichtlektüre. Sie feiern Block-Partys, setzen sich für Immigranten ein. Kein Hundebesitzer lässt etwas auf dem Bürgersteig liegen.

"Ich würde mich als sehr liberal bezeichnen", sagt eine Anwohnerin. "Ich mache Freiwilligenarbeit. Ich spende. Ich sorge mich um Menschen. Aber das hier geht zu weit. Wenn ich abends meinen Hund ausführe, fürchte ich mich. Ich habe mir schon Pfefferspray gekauft."

Einen Tag, nachdem die neuen Gäste ins "Lucerne" gezogen waren, gab es eine neue Facebook-Gruppe: "Upper West Siders für sichere Straßen". Robert Montano ist dabei. "Wir wollen Leute in den Hotels, die sich angemessen verhalten. Es gibt wirklich keine Diskriminierung. Es geht darum, dass sich die Leute an die Regeln unserer Gesellschaft halten", meint er.

In kürzester Zeit hatte die Gruppe 9000 Mitglieder. Um aufgenommen zu werden, muss jeder sagen, was er davon hält, dass Hotels zu Obdachlosenheimen umgewandelt werden und darin - so wörtlich - Sexualstraftäter und Drogenabhängige wohnen. Montano ärgert sich darüber, dass Nadeln und Schnapsflaschen in den Straßen herumliegen: "Wir müssen sie aufsammeln. Aber was, wenn ein Kind eine Nadel findet und aufhebt?"

Eine Gruppe sitzt im Park entlang der Broadway Avenue in der Upper West Side. | Bildquelle: REUTERS
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Eine Gruppe sitzt im Park entlang der Broadway Avenue in der Upper West Side. Nicht alle Anwohner sind über die neuen Bewohner der Luxushotels froh.

Stadträtin: "Kein Grund, Armut zu kriminalisieren"

Rund 13.000 Obdachlose hat die Stadt in den leeren New Yorker Touristen-Herbergen untergebracht. Für Helen Rosenthal eine Selbstverständlichkeit. Die Vertreterin der Upper West Side im Stadtrat ist außer sich über den Widerstand: "Das ist unglaublich", sagt sie. "Es gibt keinen Grund, Armut zu kriminalisieren oder rassistisch zu werden, weil es hier jetzt ein paar schwarzhäutige Menschen gibt, die vorher nicht da waren."

Und die nicht darum gebeten haben, da zu sein, meint der Obdachlose Michael: "Ich habe keinen Einfluss darauf, dass ich hier bin. Nicht jeder hier ist verrückt und mit Drogen vollgepumpt."

Michael trägt ein Shirt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung: "Nehmt Eure Knie aus unseren Nacken", steht darauf. Nachdem der Afroamerikaner George Floyd unter dem Knie eines weißen Polizisten erstickt war, haben sich auch in der Upper West Side viele Menschen mit Black Lives Matter solidarisiert. "Genug ist genug", prangt es hinter vielen Fensterscheiben.

Das Hotel "The Lucerne" auf der Upper West Side in New York.
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Michael sagt, er freue sich über die Unterbringung im Hotel - könne aber auch die Bedenken der Anwohner verstehen.

Obdachlose? "Nicht bei mir im Garten"

So sei es eben, sagt Michael. Er mache jedenfalls niemandem Probleme. Jahrzehnte hat er auf dem Bau gearbeitet. Dann brach er sich den Arm und wurde arbeitsunfähig. Michael weiß auch: Unter den Zehntausenden Obdachlosen seiner Stadt gibt es viele, die sich nicht so unter Kontrolle haben wie er.

"25 Prozent der erwachsenen Obdachlosen sind schwer und dauerhaft psychisch krank. Das gilt für New York, das gilt für das ganze Land", sagt Bobby Watts, der die Organisation "Nationaler Gesundheits- und Obdachlosenrat" leitet. "Psychisch Kranke verlieren schneller ihre Wohnung, sie verlieren schneller ihren Job - besonders, weil wir in diesem Land nicht genug Behandlungsmöglichkeiten für sie haben."

Auch die andere Seite kennt Watts: Aufgeklärte Menschen in wohlhabenden Vierteln, die offen für alles sind - solange es ihnen nicht zu nahe kommt. Dafür kennt er einen Ausdruck: "Not in my backyard" - "Nicht bei mir im Garten".

Psychische Probleme treiben Menschen in die Obdachlosigkeit

Saul Solomon kann das verstehen. Er hat Jahre in den Obdachlosenheimen von Manhattan verbracht. "Du siehst, was da drinnen los ist. Die Misshandlungen. Du siehst, warum die Leute hier draußen sind", beschreibt er. Solomon kennt Höhen und Tiefen. Er war ein erfolgreicher Musiker im Rap-Geschäft - und wurde depressiv, bekam nichts mehr auf die Reihe, landete auf der Straße. Zuletzt war er einer der Gäste im "Lucerne". Die Aversion der Anwohner dort teilt er sogar: "Auch wenn ich selbst im Obdachlosenheim war - ich verstehe das: Wer will schon mit seinen Kindern rausgehen und sich unsicher fühlen?"

Solomon hat es wieder auf die andere Seite geschafft. Er hat einen Job und seit diesem Monat auch wieder eine eigene kleine Wohnung. Der Transfer über das Hotel hat ihm geholfen, wieder Fuß zu fassen. Doch nicht jeder dort benehme sich ordentlich. "Es ist egal, wenn die Leute glauben, wir würden sie deshalb verurteilen, weil sie obdachlos sind. Tun wir nicht", meint er. "Sie entleeren sich auf der Straße. Leute fühlen sich unsicher. Du kannst nicht immer sagen: Die Reichen sind die Schlimmen. Nein, du musst es benennen: Der Typ pinkelt auf die Straße. Oder er klaut jemandem das Portemonnaie. Das ist inakzeptabel."

Arme Obdachlose, die während der Corona-Pandemie in Hotels der reichen Upper West Side einquartiert sind, treffen auf die wohlhabenden Bewohner - und oft genug deren Ablehnung und Vorurteile.
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Saul Salomon war selbst obdachlos - und fordert, die auftretenden Spannungen offen anzusprechen.

Der Präsident des New Yorker Hotelverbands, Vijay Dandapani, sieht es anders. Er appelliert an die Vernunft der Anwohner: "Das sind keine wilden Tiere, die da aus dem Dschungel hingebracht wurden. Das sind Menschen mit psychischen Problemen. Und denen muss geholfen werden." Sein Verband hilft der Stadt bei der Vermittlung passender Hotels für ihr Obdachlosenprogramm. Es hilft vielen Häusern zu überleben. 150 Hotels in seinem Verband sind seit dem Lockdown geschlossen.

Auch wenn sie danach eine Grundrenovierung brauchen: Das Obdachlosen-Programm garantiere ihnen umgerechnet rund 100 Euro pro Zimmer und Nacht. Er räumt ein: "Wenn du Nachbar von so einem Obdachlosen-Hotel bist, dann bist du darüber nicht glücklich. Das gebe ich zu".

"New York ist schon mit ganz anderem fertig geworden"

Die Menschen um sie herum lebten in einer Blase, sagt Jennifer Bergman. Sie ist an der Upper West Side geboren und die Besitzerin des dortigen Spielzeugladens. Es widere sie an zu sehen, wie manche ihrer Nachbarn auf die Armut reagieren: "Ich bin hier aufgewachsen. Das hat immer zu New York City gehört. Ich finde, das ist ganz schön anmaßend, rassistisch. Elitär."

Ihr Viertel sei durch viele Phasen gegangen, erzählt Bergman, die zwischen Holzeisenbahnen und Plüschtieren im Laden steht: Erst waren es Professoren und Kreative. Dann kamen die weniger aufregenden Investment Banker. Und dazwischen die Drogenbarone: "Hier in diesem Haus hat der größte Crack-Dealer von New York gewohnt in den frühen Neunzigern". Die Zeit, in der die Leute hier im Dunkeln nicht mehr zu Fuß gegangen sind. Damals mussten sie wirklich Angst haben, sagt sie - "aber wir haben es unter Kontrolle bekommen".

Jennifer Bergman, Spielzeugverkäuferin in New York, zu den sozialen Gegensätzen (Original-Ton)
24.08.2020

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New York sei schon mit anderen Sachen fertig geworden, meint Bergman. Schlimmer sei die Grundstimmung im Land: Sie schaffe überhaupt die Basis für einen Streit, wie den, der gerade ihre Nachbarschaft erschüttert. Sie erinnert sich an ein Kundengespräch: Was, wenn Trump wiedergewählt würde? "Ich sagte: Sie bringen mich zum Weinen - und dann fing ich an zu weinen", erzählt sie.

Bei der Präsidentschaftswahl im November werde sich zeigen, ob das Land den Reset-Knopf drückt. Wenn nicht, befürchtet die Spielzeughändlerin, sei das hier nur das Vorspiel: "Dann wäre es mit dem amerikanischen Experiment vorbei".

Wenn Armut auf Wohlstand trifft: Homeless Hotels spalten Upper West Side
Antje Passenheim, ARD New York
24.08.2020 00:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete DAS am 25. August 2020 um 18:44 Uhr.

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