Eine Frau legt vor der Al-Noor-Moschee Blumen nieder. | dpa

Ein Jahr nach Christchurch Neuseeland - "ein Vorbild für die Welt"

Stand: 15.03.2020 04:48 Uhr

Der Terrorakt am 15. März 2019 traf Neuseeland ins Mark. Ein Rechtsextremist erschoss in Christchurch 51 Menschen in zwei Moscheen. Ein Jahr danach halten die Menschen inne - vereint und gestärkt.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Ein Jahr nach der Terrorattacke von Christchurch sitzt Bürgermeisterin Lianne Dalziel an einem ganz besonderen Ort: "Wir sind hier vor dem Botanischen Garten. Dieser Zaun wurde zur Gedenkwand, wo Menschen ihre Tribute hinterließen, Botschaften an ihre muslimischen Brüder und Schwestern, die am 15. März so brutal angegriffen wurden."

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Unzählige Blumen bedeckten Zaun und Bürgersteig, Girlanden, Stofftiere, Briefe mit den Worten: "Dieser Akt des Hasses hat uns als Nation stärker vereint, Muslime und Nicht-Muslime. Sie sind wir und wir sind eins."

Wie konnte Neuseeland so positiv und vereint reagieren?

Die Muslimische Gemeinschaft hat zu Frieden und Liebe, zu Mitgefühl und Vergebung aufgerufen, das war sehr stark - und das hat es uns erlaubt, sie in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen. Woanders auf der Welt sieht die Reaktion anders aus, da geht es um Vergeltung und Strafe, um Wut - das hier war anders.
Beerdigung von Opfern de Anschlags von Christchurch | AP

51 Menschen erschoss der australische Rechtsextremist am 15. März 2019 in zwei Moscheen. Bild: AP

"Verschieden sein, ist nichts Schlimmes"

Die Bürgermeisterin war stolz auf die Reaktion ihrer Stadt, auf die Solidarität, die ihrer Meinung nach immer entsteht, wenn etwas Schlimmes passiert. Jetzt geht es vor allem darum, sie auch im alltäglichen Leben zu zeigen. Für Dalziel ist klar, das geht nur, wenn sich Menschen kennenlernen, egal wie verschieden sie sind: "Verschieden sein, ist nichts Schlimmes, nur wenn es heißt, jemand ist anders und der andere ist nicht gleichwertig, das ist schlimm."

Alles über verschiedene Kulturen lernen

Israel Taylor hat einen Mitschüler bei der Terrorattacke verloren. Er hat sich an diesem Wochenende mit anderen auf seiner Klasse getroffen, um sich gemeinsam zu erinnern.

Und damit so eine Attacke nicht noch einmal geschieht, findet er, "dass wir Schulfächer haben sollten, in denen wir alles über verschiedene Kulturen lernen, sodass es normal wird. Es sollte nicht als wir und sie gesehen werden, sondern nur als wir. Wir sind so eine vielfältige Gemeinschaft, und wenn wir nicht mit den Kindern anfangen, wird das Problem niemals gelöst."

"Neuseeland wirbt für Liebe und Frieden"

Der 15. März 2019 hatte den Neuseeländern gezeigt, dass es auch in ihrer Gesellschaft Rassismus und Rechtsextremismus gab; dass Schrecken und Brutalität auch in Neuseeland ihr Gesicht zeigen können. Hat es dadurch seine Unschuld verloren?

"Im Gegenteil, Neuseeland steht jetzt auf der internationalen Bühne und wirbt für Liebe und Frieden", sagt Gamal Fouda, der Imam der Al Noor Moschee, wo die meisten Menschen der Terrorattacke zum Opfer fielen. "Von der Regierung bis zu den normalen Bürgern, unter ihnen eben auch die muslimische Gemeinschaft, wir alle sind ein Vorbild für die Welt."

"Gegen Mobbing, Diskriminierung und Rassismus"

Neuseeland hat sich fundamental verändert, sagte Premierministerin Jacinda Ardern: "Die Herausforderung für uns ist, in jeder unserer täglichen Taten, bei jeder Gelegenheit gegen Mobbing, Diskriminierung und Rassismus vorzugehen. So sorgen wir dafür, dass wir uns zum Besseren verändert haben."

An diesem Wochenende sind die Neuseeländer dazu jedenfalls klar entschlossen. Auch wenn die zentrale Gedenkveranstaltung wegen der Corona-Risiken abgesagt wurde: Vor der Al Noor Moschee sammeln sich wieder die Blumen, und im angrenzenden Hagley-Park versammeln sich immer wieder Menschen, um innezuhalten, zu gedenken und ihre Solidarität zu zeigen. "We are one" - gilt immer noch.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. März 2020 um 06:20 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".