Jubelnde Demonstranten in Santiago de Chile nach Verfassungsreferendum | AFP

Referendum in Chile "Heute haben wir Geschichte geschrieben"

Stand: 26.10.2020 08:17 Uhr

"Chile aprobó" - mit einer gewaltigen Mehrheit haben die Chilenen für eine neue Verfassung gestimmt. Tausende Menschen feierten in der Hauptstadt Santiago.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Hupkonzerte, Feuerwerk, Tanzen, Lachen, Freudentränen - die Menschen in Chile feiern. Im ganzen Land und auf der Plaza Italia in Santiago de Chile, die alle hier nur "Plaza de la Dignidad" nennen, Platz der Würde.

Anne Herrberg ARD-Studio Buenos Aires

"Chile aprobó" heißt es nach diesem historischen Tag: Chile hat dafür gestimmt. Und zwar mit einer gewaltigen Mehrheit, das stand schon nach den ersten Hochrechnungen fest.

Alte Verfassung aus Militärdiktatur

"Wir sind glücklich, heute haben wir Geschichte geschrieben", sagt eine Frau. "Heute hat Chile entschieden, ein neues Land zu werden. Darauf haben wir so lange gewartet!"

Und ein Mann freut sich: "Das ist ein Fest der Demokratie. Wir haben nein gesagt zur alten Diktatur-Verfassung, die uns alle erdrückt hat. Jetzt heißt es anfangen zu arbeiten, für unsere Kinder und Enkelkinder, damit wir endlich ein legitimes Grundrecht bekommen, denn das jetzige ist es nicht."

Die alte Verfassung stammt noch aus Zeiten der Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet. Sie wurde 1980 hinter geschlossenen Türen von seinem neoliberalen Wirtschaftsweisen, den sogenannten Chicago Boys, ausgearbeitet - und bestand auch 30 Jahre nach Rückkehr zur Demokratie fort.

"Der Beginn eines neuen Weges"

Sich von diesem autoritären Erbe zu befreien, war eine der zentralen Forderungen der sozialen Proteste, die vor einem Jahr, im Oktober 2019 begonnen haben. Der konservative Präsident Sebastián Piñera sprach nach Schließung der Wahllokale von einem Sieg für die Demokratie und die Einigkeit:

"Dieses Referendum ist nicht das Ende, es ist der Beginn eines neuen Weges. Bisher hat uns die Verfassung gespalten, ab heute müssen wir alle daran arbeiten, dass die neue Verfassung einen großen Rahmen schafft für Einheit, Stabilität und Zukunft."

Die Befürworter sehen in der Verfassung das zentrale Hindernis für soziale Reformen in Chile, mehr Gleichberechtigung und die Anerkennung indigener Völker. Sie fordern einen Staat, der nicht nur Privateigentum schützt, sondern auch soziale Rechte garantiert. Gesundheit und Rentenversicherung, Bildung und sogar die Wasserversorgung sind in Chile privatisiert.

Fahnen schwenkende Demonstranten in Santiago de Chile | AFP

Tausende Chilenen feierten das Ergebnis des Referendums. Bild: AFP

Gegner warnen vor Chaos

Die Gegner warnten dagegen davor, ein langwieriger Verfassungsprozess könnte Chiles Wachstum gefährden und das Land ins Chaos stürzen.

Jaqueline van Rysselberghe, Präsidentin der rechten Unabhängigen Demokratischen Union (UDI), deren Wählerschaft den Ideen des Pinochet-Regimes großteils auch heute noch positiv gegenübersteht, erklärte: "Wir repräsentieren weiterhin die rund 20 Prozent, die gegen eine neue Verfassung gestimmt haben. Wir sind für Reformen, aber glauben auch, dass ein Wandel nicht bei null anfangen darf."

"Der Wandel kommt nicht von einem Tag auf den anderen"

Beim Referendum ging es auch um die Frage, wie eine neue Verfassung ausgearbeitet wird. Dabei entschieden die Wähler gegen ein gemischtes Gremium mit Beteiligung der Parteien. Heißt: Es wird eine eigens gewählte verfassungsgebende Versammlung geben, die je zur Hälfte aus Männern und aus Frauen besteht.

"Der Wandel kommt nicht von einem Tag auf den anderen, aber das war ein erster Schritt", sagt ein Demonstrant in Santiago. "Das ist die Basis, auf der wir das Land aufbauen können, das wir alle wollen. Ein gerechteres Land, ein Land, das ein würdiges Leben ermöglicht, ein Land ohne eine so abgrundtiefe soziale Ungleichheit."

Das Verfassungsgremium soll im April 2021 gewählt werden. Über den von ihm erarbeiteten Entwurf soll dann im Jahr 2022 ein erneutes Referendum abgehalten werden.

Über dieses Thema berichteten am 26. Oktober 2020 die tagesschau um 09:00 Uhr und Inforadio um 07:23 Uhr.

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Moderation 26.10.2020 • 13:14 Uhr

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