Netanyahu bei der Stimmabgabe  | AFP
Porträt

Israels Premier Netanyahu Der selbst ernannte Heilsbringer

Stand: 17.09.2019 09:50 Uhr

An Selbstbewusstsein mangelt es Israels Premier Netanyahu nicht. Sein Lieblingsort: die Weltbühne. Heute will der 69-Jährige wiedergewählt werden. Doch es gibt auch scharfe Kritiker.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Benjamin Netanyahu, wo er sich vielleicht am wohlsten fühlt: auf der Weltbühne. Der israelische Premierminister flog vor wenigen Tagen nach Sotschi. Mitten im Wahlkampf traf er dort den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Kameras der Fotografen klickten. Die Botschaft Netanyahus an seine potenziellen Wähler in Israel: Nur ich habe so gute Kontakte zu den Mächtigen der Welt.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

"Unsere Beziehung hat unnötige und gefährliche Spannungen unserer Armeen verhindert", sagte Netanyahu neben Putin. "Von ganzem Herzen sage ich, dass diese Zusammenarbeit eine fundamentale Komponente für die Stabilität der Region ist."

Israels Premierminister Netanyahu bei einem Treffen mit Russlands Präsident Putin im September 2019 in Sotschi. | AP

Treffen zwischen Netanyahu und Putin: "Unsere Beziehung hat unnötige und gefährliche Spannungen unserer Armeen verhindert" Bild: AP

Längste Amtszeit in der Geschichte Israels

Netanyahu hat sich schon immer in der Welt von Diplomatie und Außenpolitik wohlgefühlt. In den 1980er-Jahren war er Israels Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York. Es war der Beginn seiner politischen Karriere - eine lange Karriere. Seit Juli ist Netanyahu der israelische Premierminister mit der insgesamt längsten Amtszeit in der Geschichte des Landes.

Der israelische Journalist Amit Segal vom Fernsehkanal 12 beobachtet den Politiker seit Jahren:

Netanyahu ist davon überzeugt, dass er Israel ist. Dass er der einzige Anführer ist, der Israel zu einer kleinen Großmacht macht. Er ist davon überzeugt, dass er für Unterstützung für Israel sorgt, weil er in den USA so beliebt ist. Dass er die öffentliche Meinung dort beeinflussen kann. Seine Konkurrenten, so sieht es Netanyahu, würden Israel zu einer abhängigen, kleinen Provinz machen, die von den USA kontrolliert wird.

Ungewöhnliche Verbindung

Netanyahu ist 69 Jahre alt. Geht es nach ihm, hat er Israel das beste Jahrzehnt seiner Geschichte beschert. In der Wirtschaft und vor allem beim Thema Sicherheit. Viele Israelis sehen es genauso. Und das führt zu einer recht außergewöhnlichen Situation: Netanyahu könnte schon bald in gleich mehreren Korruptionsfällen angeklagt werden. Trotzdem hat er weiterhin Rückhalt: von Parteikollegen, möglichen Koalitionspartnern und vielen Wählerinnen und Wählern.

Netanyahu soll teure Geschenke von Geschäftsleuten angenommen und denen dafür Gefallen getan haben. In einem anderen Fall soll er versucht haben, die Berichterstattung einer großen Tageszeitung zu beeinflussen. Netanyahu weist die Vorwürfe zurück, spricht von einer Hetzjagd gegen ihn und seine Familie.

Premier fühlt sich angegriffen

"Es gibt eine sehr breite Koalition, die mich stürzen möchte", sagte er kürzlich im israelischen Radio. "Auch Benny Gantz und Yair Lapid wollen mich stürzen. Und die Mehrheit der Medien. Die arbeiten Tag und Nacht an diesem Ziel. Die Medien sind regelrecht rekrutiert, richtig sowjetisch." Auch die Justiz und die Polizei griff Netanyahu verbal an. Und das als Premierminister.

Der israelische Oppositionskandidat Benny Gantz | JIM HOLLANDER/EPA-EFE/REX

Er tritt bei der Wahl in Israel gegen Netanyahu an: Oppositionskandidat Benny Gantz. Bild: JIM HOLLANDER/EPA-EFE/REX

"Es gibt zwei Netanyahus"

"Die Frage ist: Wer ist der echte Benjamin Netanyahu?", sagt der Journalist Segal. "Ich glaube es gibt zwei Netanyahus. Den Staatsmann Netanyahu, der das Oberste Gericht respektiert, den konservativen Anführer. Und dann gibt es Bibi. Den Populisten, der versteht, wie groß die Vorbehalte seiner Wähler gegenüber den Eliten sind - also den Medien, den Obersten Richtern, den Akademikern."

Israel ist gespalten. Es gibt Netanyahus Anhänger, die ihm sogar mögliche Korruption verzeihen würden. Und seine Gegner, die ihn "Crime Minister" nennen, einen Premierminister des Verbrechens. Netanyahu will die Wahl unbedingt gewinnen. Seine Parteikollegen und Koalitionspartner könnten ihm dann Immunität verschaffen. Netanyahu glaube, dass er für Israel unverzichtbar ist, sagt Journalist Segal. "Deshalb wird Netanjahu niemals zurücktreten. Niemals. Außer er wird dazu gezwungen."

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 17. September 2019 um 09:18 Uhr.