Zwei Basketball-Fans mit chinesischer Flagge. | Bildquelle: AFP

Anti-NBA-Kampagne in China Geld oder Werte - Das NBA-Dilemma

Stand: 22.10.2019 14:11 Uhr

Nach dem NBA-Boykott in China hat die Diskussion über freie Meinungsäußerung den Saisonauftakt überschattet. Ein Tweet brachte die NBA auf dem wichtigen Markt in Schwierigkeiten.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Wenn es um die pro-demokratischen Proteste in Hongkong geht, versteht Chinas Staats- und Parteiführung keinen Spaß. Nach ihrer Lesart sind die Demonstrantinnen und Demonstranten in der autonom regierten Stadt allesamt Randalierer, Separatisten und Unruhestifter. Anfang Oktober setzte Daryl Morey, Manager der Houston Rockets, einen Tweet zur Unterstützung der pro-demokratischen Bewegung in Hongkong ab. Morey hatte ein Bild mit den Worten "Fight for Freedom - Stand with Hong Kong" veröffentlicht - "Kämpft für die Freiheit, unterstützt Hongkong". 

Die allesamt staatlich kontrollierten Medien in China starteten daraufhin eine massive nationalistische Kampagne. Chinas Basketball-Verband stoppe die Zusammenarbeit mit der NBA, Fernsehsender und Online-Portale verzichteten darauf, die beliebten Vorsaison-Spiele der NBA zu übertragen. Und zahlreiche Werbepartner haben ihre Sponsoring-Verträge gekündigt.

China als wichtiger Absatzmarkt der NBA

Bisher verdient die NBA in China nach Medienberichten rund eine halbe Milliarde Euro pro Saison. Der Verlust lukrativer Werbeverträge wird die nordamerikanischen Clubs nun einiges kosten. Für eine 18-jährige Shanghaierin ist es aber verständlich, dass in ganz China NBA-Werbebanner von den Plakatwänden entfernt wurden: "Hongkong gehört zu China. Was die Amerikaner gesagt haben, war falsch. Wenn es um Politik geht, gilt keine Meinungsfreiheit."

NBA steht hinter Morey

Hinter den Kulissen habe die chinesische Seite kräftig Druck auf die NBA ausgeübt, schilderte zumindest Adam Silver, Geschäftsführer der NBA. Das Management sei aufgefordert worden, den unliebsamen Houston-Rockets-Clubchef rauszuschmeißen, sagte er bei einer Veranstaltung des "Time"-Magazins vergangene Woche. Das komme aber nicht in Frage, betonte der NBA-Geschäftsführer - nicht mal eine Ermahnung werde es geben.

Trotzdem war vom Recht auf freie Meinung innerhalb der NBA zuletzt nicht mehr viel zu sehen oder zu hören. So sagte NBA-Superstar Stephen Curry von den Golden State Warriors in einem Interview mit dem Online-Magazin "The Athletic", zur Waffendebatte in den USA und zu Rassismus werde er sich auch weiterhin äußern. Zu den Protesten in Hongkong aber nicht, denn er wisse nicht genug über die chinesische Geschichte und wie sich diese auf die Gesellschaft heute auswirke.

Chinas Politiker distanzieren sich von Vorwürfen

Chinas Staats- und Parteiführung versuchte in den vergangenen Wochen das Bild zu vermitteln, als habe sie mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun. Die Boykottkampagne sei von empörten Online-Nutzern ausgegangen, schreiben etwa die staatlichen Medien. Und Außenamtssprecher Geng Shuang dementierte bei einer Pressekonferenz in Peking den Vorwurf, die kommunistische Staatsführung habe den Rauswurf von NBA-Manager Morey gefordert: "Wir haben diesen Vorwurf von den verantwortlichen Stellen prüfen lassen. Das Ergebnis der Untersuchung ist, dass die chinesische Regierung niemals eine solche Sache gefordert hat."

Neue Grundsatzdebatte in der Sportbranche

Zweieinhalb Wochen nach dem fraglichen Tweet hat sich die Stimmung in China wieder deutlich beruhigt. Die meisten der vielen Hundert Millionen Basketball-Fans in China werden der NBA auch in dieser Saison treu bleiben.

Doch weltweit hat die Aufregung um den Hongkong-Tweet des NBA-Managers aus Texas eine Grundsatzdebatte in der Sport- und Unterhaltungsbranche ausgelöst. Diese dreht sich um die Frage, was wichtiger ist: Der Zugang zum lukrativen Milliardenmarkt China oder das Recht auf Kritik an der immer autoritärer werdenden Politik der Staats- und Parteiführung in Peking.

Geld verdienen oder Werte verteidigen: NBA in der China-Zwickmühle
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
22.10.2019 07:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Oktober 2019 um 11:41 Uhr.

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