Polizisten bewachen die Notaufnahme der Berliner Charité. | Bildquelle: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/Shuttersto

Bundesregierung Nawalny "wahrscheinlich vergiftet"

Stand: 24.08.2020 14:10 Uhr

Die Bundesregierung geht laut ihrem Sprecher "mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit" davon aus, dass der russische Oppositionspolitiker Nawalny vergiftet wurde. Über seinen Zustand gibt es bislang widersprüchliche Aussagen.

Die Bundesregierung hält es für gut möglich, dass auf den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny ein Giftanschlag verübt wurde. "Weil man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit von einem Giftanschlag ausgehen kann, ist Schutz notwendig", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Bundesregierung fordere "volle Transparenz" bei der Aufklärung des Vorfalls. Der Verdacht sei, dass Nawalny vergiftet wurde, sagte Seibert weiter und verwies auf Verdachtsfälle "in der jüngeren russischen Geschichte".

Zurückhaltender äußerte sich Bundesaußenminister Heiko Maas während eines Besuchs in Kiew. Er wolle zur Ursache der Erkrankung Nawalnys noch keine Aussage treffen. "Ich gehöre zu denjenigen, die ihre Einschätzung auf Fakten basieren", sagte Maas bei einem Besuch in der ukrainischen Haußptstadt. "Für den Fall Nawalny fehlen noch viele Fakten - medizinische, aber wahrscheinlich auch kriminologische, und die gilt es abzuwarten." Er setze darauf, in absehbarer Zeit weitere Informationen zu erhalten. Erst dann werde sich der Fall einordnen lassen.

Zustand des Kreml-Kritikers weiter unklar

Nawalny wird derzeit in der Berliner Charité behandelt, nachdem er am Donnerstag auf einem Flug von Sibirien nach Moskau zusammengebrochen war. Nach einer Notlandung in Omsk wurde er zunächst in einer Klinik dort behandelt, ehe er am Wochenende nach Berlin geflogen wurde. Wie sich sein Zustand entwickelt hat, ist bislang unklar. Die behandelnden Ärzte wollen sich erst nach Abschluss der Untersuchungen und Rücksprache mit der Familie äußern. Das könnte im Tagesverlauf passieren.

Ein Vertrauter hatte mitgeteilt, dass Nawalny den möglichen Giftanschlag überleben werde. Die Frage sei, ob er ihn unbeschadet überstehe und seine Rolle weiter einnehmen könne, sagte Filmproduzent Jaka Bizilj, der den Transport des Politikers von Omsk nach Berlin organisiert hatte. "Wenn er das unbeschadet übersteht, was wir alle hoffen, dann ist er sicherlich trotzdem mindestens ein, zwei Monate aus dem politischen Gefecht weg", so Bizilj gegenüber der "Bild"-Zeitung.

Jaka Bizilj sorgte mit einer Äußerung über den Zustand von Nawalny für Verwirrung | Bildquelle: dpa
galerie

Jaka Bizilj sorgte mit einer Äußerung über den Zustand von Nawalny für Verwirrung.

BKA sorgt für Nawalnys Schutz

Die Sprecherin des Kreml-Gegners, Kira Jarmysch, zeigte sich erstaunt über diese Mitteilung. Niemand habe im Moment Zugang zu Informationen über den Zustand Nawalnys - schon gar nicht jemand, der nicht zur Familie gehöre.

Nawalny steht in der Klinik in Berlin-Mitte unter dem Schutz des Bundeskriminalamts. Am Sonntag waren mehrere Einsatzkräfte vor dem Eingang der Charité. Seine Ehefrau Julia und einer seiner engsten Vertrauten durften zu Nawalny.

Nawalny wurde vom FSB überwacht

Noch immer sind die genauen Umstände des Falls unklar. Nawalny hatte bei einer Reise in Sibirien in einem Flugzeug unter starken Schmerzen das Bewusstsein verloren. Am Wochenende wurde bekannt, dass er von Sicherheitskräften bei seiner Reise umfassend beschattet worden sein soll. Dabei soll dokumentiert worden sein, mit wem Nawalny sich getroffen, was er gegessen und wo er geschlafen hat. Sogar eine Sushi-Bestellung seiner Mitarbeiter wurde dabei angeführt.

Der Oppositionelle Ilja Jaschin kündigte an, eine offizielle Anfrage an den Inlandsgeheimdienst FSB stellen zu wollen. Es sei ungeheuerlich, dass Geheimdienstmitarbeiter einen Oppositionspolitiker bespitzelten, schrieb Jaschin auf Facebook.

Ärzte in Sibirien: "Auf uns wurde kein Druck ausgeübt"

Die Ärzte, die Nawalny in Omsk behandelt haben, dementierten inzwischen Berichte, wonach sie unter Druck der Sicherheitsbehörden gestanden hätten. Chefarzt Alexander Murachowski sagte auf einer Pressekonferenz: "Wir haben den Patienten versorgt, und wir haben ihn gerettet. Es gab keinen Einfluss von außen auf die Behandlung des Patienten."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. August 2020 um 15:00 Uhr.

Darstellung: