Flüchtlingslager auf Nauru | Bildquelle: dpa

Einwanderung nach Australien Protest gegen die Hölle von Nauru

Stand: 24.10.2018 08:36 Uhr

Einwanderer, die auf dem Seeweg nach Australien aufgegriffen wurden, werden unter fragwürdigen Bedingungen in Lagern festgehalten. Die Proteste dagegen werden immer lauter.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

"Ich möchte irgendwohin, wo es schön ist. Aber wir sitzen hier fest, seit fünf Jahren und fünf Monaten. Wir sterben hier. Es ist heiß." Worte eines Siebenjährigen, eines Kindes, festgehalten im Lager auf der kahlen, kargen Pazifikinsel Nauru. 

Die Eltern von Ahoora haben ihre Heimat im Iran aus Angst vor Verfolgung verlassen. Mit der Hoffnung auf ein neues Leben haben sie die lebensgefährliche Reise per Boot nach Australien angetreten. Aber die Regierung fährt einen strikten Kurs gegen illegale Einwanderung: Kein Asylsuchender, der über den Seeweg in australische Hoheitsgewässer gelangt, soll jemals auf das Festland kommen.

Stattdessen landen sie in Auffanglagern wie zum Beispiel auf Nauru. "Ich nehme Tabletten gegen Depressionen, sie machen mich schwindlig, und am nächsten Tag kann ich nur schwer wach werden", sagt Ahoora.

Australier protestieren für eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen | Bildquelle: AFP
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Australier protestieren für eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen.

Kinder setzen sich für Kinder ein

Das Schicksal von Ahoora und anderen auf der Insel bringt immer mehr Menschen in Australien auf. Ein großes Bündnis aus Menschenrechtsgruppen, Kinderschutzbünden, Kirchen und Wohltätigkeitsorganisationen protestiert gegen die Politik der Offshore-Lager.

Am Wochenende sind Kinder in einem Protestmarsch in Melbourne auf die Straße gegangen als Teil der Kampagne #KidsoffNauru, also "Kinder weg von Nauru": "Wir fordern Australiens politische Führung auf, alle Kinder aus den Lagern auf Nauru zu befreien. Wir wollen, dass sie spätestens am Weltkindertag nicht mehr auf Nauru sind." Am 20. November also, aber besser noch sofort, sollen sie aus der Hölle befreit sein, in der viele von ihnen schon ihr ganzes Leben verbracht haben.

Ärzte warnen vor gesundheitlichen Folgen

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen schlägt Alarm: "Viele Kinder leiden unter einem traumatischen Rückzugs-Syndrom. Sie existieren in einem halbkomatösen Zustand, sie können nicht essen, trinken oder sprechen", sagt Paul McPhun, der australische Leiter der Hilfsorganisation.

"Während unserer Zeit auf der Insel haben wir beobachten können, wie die geistige Gesundheit der Asylsuchenden weiter rapide abnahm", sagt McPhun. "Das liegt daran, dass sie auf unbestimmte Zeit festgehalten werden, manche schon seit fünf Jahren, und es ist kein Ende in Sicht." Die Organisation musste die Insel in diesem Monat auf Geheiß der australischen Regierung verlassen.

Hilfsorganisationen prangern die Zustände in den Flüchtlingslagern auf Nauru an | Bildquelle: dpa
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Beth O'Connor und Paul McPhun von "Ärzte ohne Grenzen" prangern die Zustände auf Nauru an.

Doch der öffentliche Druck in Australien steigt: Kinder gehen für Kinder auf die Straße, Abgeordnete drohen, die Regierung zu blockieren - denn die mit knappster Mehrheit regierenden Liberalen haben in einer Nachwahl am Wochenende einen Sitz verloren, sodass sie auf die Stimmen einiger Unabhängiger angewiesen sind. Doch die machen ihre Mitarbeit davon abhängig, dass die Kinder aus Nauru nach Australien kommen. Oder dass die Regierung einem Angebot Neuseelands zustimmt: Das Nachbarland Australiens will 150 der Asylsuchenden aufnehmen.

Premierminister Scott Morrison lehnt das ab: Es gebe keinen Kuhhandel, wo es um den Schutz der Grenzen gehe. Noch am Montag hatte Morrison sich mit tränenerstickter Stimme bei den Opfern von jahrzehntelangem Kindesmissbrauch in Australien offiziell entschuldigt. Das sei doch nichts als Heuchelei, sagen Kritiker. Die Kinder auf Nauru ließe er weiter leiden.

Untragbare Zustände

Mediziner warnen seit Jahren, dass die Zustände auf Nauru für alle, aber besonders für Kinder untragbar sind. Beth O'Connor war als Psychiaterin für Ärzte ohne Grenzen auf der Insel im Einsatz: "Als ich diese Kinder besuchte, lagen sie im Bett. Sie haben nicht mehr genug gegessen oder getrunken, um zu überleben.

Viele konnten nicht mehr auf Toilette gehen, sie haben sich eingenässt und eingekotet. Und wenn ich versucht habe, mit ihnen zu reden, haben sie nicht geantwortet. Sie haben einfach durch mich hindurch gestarrt."

Folter sei das, was auf Nauru geschehe, sagen die Vereinten Nationen. Ihre Vertreter haben die Auffanglager mehrmals besucht. Sie fordern Australien auf, diese Zustände dringend zu ändern. Bisher ohne Ergebnis.

"In Großbritannien werden Kinder von Asylsuchenden im Schnitt fünf Tage festgehalten. In Australien sind es 15 Monate - und mehr. Es gibt kein anderes Land auf der Welt, das Kindern das antut", sagt die Krankenschwester Alanna Maycock, die auf der Insel gearbeitet hat. "Ich war nur fünf Tage dort - und ich habe jetzt Albträume: dass meine Kinder dort sind und ich sie nicht erreichen kann. Nach fünf Tagen! Können Sie sich vorstellen, was das für den Geist eines Kindes bedeutet, das dort jahrelang ist?"

Holt sie aus der Hölle - die Kinder von Nauru
Lena Bodewein, ARD Singapur
24.10.2018 10:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 24. Oktober 2018 um 07:52 Uhr in der Sendung "Studio 9".

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