Kommentar

NATO-Manöver mit georgischen Streitkräften

70 Jahre NATO Die NATO ist unentbehrlich

Stand: 03.04.2019 16:50 Uhr

Trumps Tiraden, aggressives Auftreten Russlands, ein rasant rüstendes China: Es gibt gute Gründe für ein Militärbündnis. Wer glaubt, die NATO habe ausgedient, solle mal auf die Landkarte schauen.

Ein Kommentar von Holger Romann, ARD-Studio Brüssel

Brauchen wir die NATO noch? In Polen, Ungarn oder den drei baltischen Republiken würde so etwas niemand fragen. Im Gegenteil: Die ehemaligen Mitglieder des Warschauer Pakts, die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts der Allianz beitraten, wissen die Zugehörigkeit zum erfolgreichsten Bündnis der Geschichte zu schätzen. So wie die beiden Deutschlands bis zum Wendejahr 1989 fühlen sich heutzutage Esten, Letten und Litauer als Frontstaaten in einer neuen Art von System-Konfrontation, die manch einer schon mit dem Kalten Krieg vergleicht. Weiß Gott kein angenehmes Gefühl.

Die friedensverwöhnten und wohlhabenden Westeuropäer, die nun schon 70 Jahre lang vom atomaren Schutzschirm der USA profitieren und seit 30 Jahren von Freunden "umzingelt" sind, können dieses Gefühl nicht mehr so leicht nachempfinden. Vielleicht tun wir uns deshalb so schwer, unsere Verteidigungsausgaben dem verabredeten Zwei-Prozent-Ziel anzunähern: Das hatte auch schon der Vorgänger des aktuellen US-Präsidenten beklagt. Die völlig überzogenen Tiraden Donald Trumps gegen die NATO dürfen der Bundesregierung jedenfalls nicht als Entschuldigung dienen, das Thema "faire Lastenteilung" auf die leichte Schulter zu nehmen.


Wer glaubt, die NATO habe ausgedient, der sollte einmal auf die Landkarte schauen: Aus der Perspektive eines Warschauers, Bukaresters oder Sofioten sieht die Welt etwas anders aus. Der seit fünf Jahren schwelende hybride Krieg in der Ost-Ukraine, der schon mehrere tausend Tote gefordert hat, und die im Handstreich vollzogene Annexion der Krim im Frühjahr 2014, haben den jungen Demokratien am östlichen Rand der EU drastisch vor Augen geführt, wie schnell es mit der nationalen Selbstbestimmung und der territorialen Unversehrtheit vorbei sein kann.

Eine Frage der Perspektive

Aber nicht nur ein wieder aggressiver auftretendes Russland unter Präsident Wladimir Putin, auch ein rasant rüstendes China, das dabei ist, die globalen Kräfteverhältnisse zu seinen Gunsten zu verschieben und es höflich aber bestimmt ablehnt, mit den beiden anderen großen Atommächten über Rüstungskontrolle zu reden, mag als Mahnung dienen. Neben solchen Riesen ist es für Kleinere gut, sie stehen nicht alleine da, sondern haben starke Verbündete, die einem potenziellen Angreifer im Ernstfall zu verstehen geben: Bis hierher und nicht weiter!

Dieses Beistandsversprechen, die Fähigkeit zu glaubwürdiger kollektiver Abschreckung und Verteidigung, ist im Artikel 5 des Washingtoner Vertrags festgeschrieben. Es ist und bleibt Kernstück und Erfolgsgeheimnis der NATO, die unter ganz anderen Umständen gegründet wurde. Trotz zahlreicher Krisen hat sich das Bündnis als erstaunlich zählebig und anpassungsfähig erwiesen. Dass der Daseinszweck der Allianz in ihrem 70. Jahr am vehementesten ausgerechnet vom amtierenden US-Präsidenten in Frage gestellt wird, ist freilich für alle Beteiligten ein ernstes Problem. Denn für unser aller Sicherheit ist die NATO auf absehbare Zeit unentbehrlich. Daran können auch die ohne Frage vernünftigen Bemühungen der Europäer nichts ändern, sich um eben diese Sicherheit künftig stärker selbst zu kümmern.

Kommentar: Die NATO – das unentbehrliche Bündnis
Holger Romann, ARD Brüssel
03.04.2019 15:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 im „Morgenecho“ am 03. April 2019 um 08:46 Uhr.

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