Unruhen in Nantes | Bildquelle: AFP

Polizeieinsatz in Nantes Offene Fragen nach Todesschuss

Stand: 04.07.2018 12:04 Uhr

Nach den schweren Unruhen im französischen Nantes infolge eines tödlichen Polizeieinsatzes haben die Behörden ihr Vorgehen verteidigt. Zeugen widersprechen der offiziellen Darstellung jedoch.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

200 Polizisten waren in der Nacht im Einsatz. In drei Stadtvierteln des westfranzösischen Nantes lieferten sich vor allem Jugendliche harte Auseinandersetzungen mit der Polizei. Sie warfen Molotowcocktails, zündeten Autos an und steckten ein Einkaufszentrum in Brand. Auslöser der Unruhen war der Tod eines 22-jährigen Mannes am Dienstagabend.

Polizei: Verdächtiger wollte flüchten

Polizisten hatten den jungen Mann in seinem Auto wegen einer Ordnungswidrigkeit kontrolliert: "Wir haben ihn gebeten, den Motor abzustellen, auszusteigen und mit den Polizisten auf die Wache zu fahren", schildert Christophe Bertrand von der zuständigen Polizeidienststelle den Ablauf der Kontrolle. "In diesem Moment legte der Fahrer den Rückwärtsgang ein und wollte flüchten. Dabei hat er einen Polizisten angefahren. Daraufhin hat einer der umstehenden Polizisten geschossen."

Der junge Mann soll von der Kugel an der Halsschlagader getroffen worden sein. Im Krankenhaus sei er seinen Verletzungen erlegen, erklärte Nicole Klein, die zuständige Präfektin: "Es hat gedauert, bis wir die Identität des Mannes klären konnten. Gegen 5:30 Uhr heute morgen wussten wir, dass er der Polizei bekannt war." Der 22-Jährige wurde laut Staatsanwaltschaft seit Juni 2017 per Haftbefehl gesucht. Ihm wurde unter anderem bandenmäßiger Diebstahl und Hehlerei vorgeworfen.

Feuerwehrleute in Nantes | Bildquelle: AFP
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Bei wütenden Protesten wurden mehrere Autos und ein Einkaufszentrum in Brand gesetzt.

Polizei verteidigt Vorgehen

Die Staatsanwaltschaft von Nantes hatte noch in der Nacht Ermittlungen zu dem Vorfall eingeleitet. Die Umstände, unter denen der Polizist seine Waffe eingesetzt hat, sollen untersucht werden.

Yves Lefevre, Generalsekretär der Polizeigewerkschaft FO sagte im Fernsehsender BFMTV, der Polizist habe richtig gehandelt: "Solche Situationen will kein Polizist in Frankreich, kein Polizist der Welt erleben. Es ist eine Stresssituation, der Polizist muss das Leben seiner Kollegen schützen, das Leben zweier Kinder, die in unmittelbarer Nähe standen und sein eigenes. Hier muss man in Bruchteilen von Sekunden reagieren - und meine Kollegen haben gestern Abend völlig richtig gehandelt." Das Auto, mit dem der junge Mann fliehen wollte und einen Polizisten angefahren haben soll, erklärt der Polizeigewerkschafter weiter, könne in diesem Fall als Waffe gesehen werden.

Zeugen zweifeln an offizieller Darstellung

Zeugen berichten im Fernsehsender BFMTV allerdings, der Mann habe sich weder der Polizeikontrolle entziehen wollen, noch habe er einen Polizisten angefahren. Nantes Bürgermeisterin Johanna Rolland kam noch in der Nacht zum Ort des Geschehens. Sie sprach der Familie des Getöteten ihr Beleid aus und versprach vollständige Aufklärung. Priorität sei aber, dass sich die Lage in der Stadt beruhige.

Gegen 3.00 Uhr am Morgen schien sich die Situation in den betroffenen Vierteln von Nantes wieder entspannt zu haben. Die drei Stadtviertel, in denen sich die Unruhen der Nacht ereignet haben, gelten als Brennpunktstadtteile.

Collomb mahnt zur Ruhe

Frankreichs Innenminister Gérard Collomb verurteilte die Ausschreitungen scharf. Auf Twitter mahnte er zur Ruhe in Nantes. Es sei jetzt einzig die Aufgabe der Justiz zu klären, unter welchen Umständen der Polizist den Schuss abgegeben habe, der zum Tod des jungen Mannes geführt habe.

Unruhen in Nantes nach tödlichem Polizeieinsatz
Sabine Wachs, ARD Paris
04.07.2018 08:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. Juli 2018 um 09:38 Uhr.

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