Namibische Wähler warten  | Bildquelle: AFP

Wahlen in Namibia Korruption und Kolonialismus

Stand: 27.11.2019 17:17 Uhr

In Namibia werden ein neues Parlament und ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Die bestimmenden Themen sind die desolate Wirtschaftslage, die grassierende Korruption - und das koloniale Erbe.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Wenn die Menschen in Windhuk über die Wahl reden, dann sprechen sie auch über ihre eigene Geschichte. Die schwächelnde Wirtschaft Namibia ist das große Thema, mit all seinen Facetten. Lesley ist seit Jahren arbeitslos - und trotz der Versuchungen, sagt er, ist er nicht kriminell. "Meine Freunde sagen manchmal: 'Hör‘ doch auf, Arbeit zu suchen! Ein Verbrecher sein, das ist einfach. Warum nicht mal ausprobieren? Lass uns doch mal was zusammen machen.' Man ist immer kurz davor zu entgleisen."

Amtierender Präsident Hage Geingob bei den Wahlen in Namibia | Bildquelle: AFP
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"Der Büffel" könnte seine klare Mehrheit verlieren.

Damit ist Lesley kein Einzelfall. Fast jeder zweite junge Namibier hat keinen Job - neben der grassierenden Korruption das größte Problem des Landes. Das könnte die Regierungspartei SWAPO diesmal zu spüren bekommen. Und das, obwohl es noch in den letzten Tagen einen Autokorsos gab, in dem "Vorwärts Hage!" gerufen wurde.

Die Zwei-Drittel-Mehrheit wackelt

Gemeint ist der Präsident, Hage Geingob, auch genannt "der Büffel". Aber er ist angeschlagen, wenn man den Umfragen glaubt. Seine Partei SWAPO regiert seit der Unabhängigkeit im Jahr 1990. Diesmal aber wackelt die Zwei-Drittel-Mehrheit, der SWAPO droht das bisher schlechteste Ergebnis. Deshalb hofft Hage auf das Vertrauen der Wähler.

"Um eine bessere Zukunft für Namibia zu sichern, wählt die SWAPO-Partei. Und vergesst nicht das Persönliche: Stimmt auch für mich, damit ich mit dem weitermachen kann, was wir bisher gemacht haben."

Konkurrenz aus dem eigenen Lager

Heftiger Gegenwind kommt von Panduleni Itula, einem Zahnarzt, der zwar Mitglied der SWAPO ist, aber aus diesen Reihen heraus als unabhängiger Präsidentschaftskandidat antritt. Er will gegen Vetternwirtschaft kämpfen - ein Problem, das viele der 2,5 Millionen Namibier täglich spüren, sagt die 25-jährige Chelwa.

"Meine Oma muss 100 Kilometer fahren, um ins nächste Krankenhaus zu kommen. Näher ist kein Arzt bei ihrem Dorf. Wenn Millionen Namibia-Dollars nicht spurlos verschwunden wären, dann würde es so etwas nicht geben."

Auch die deutsche Kolonialherrschaft des 20. Jahrhunderts polarisiert im Wahlkampf. Das Thema ist für Esther Muinjangue längst nicht abgeschlossen. Sie ist die erste Frau, die sich um das Präsidentenamt bewirbt. Als Herero erwartet sie von der Bundesregierung in Berlin klare Zeichen. "Für mich geht es um soziale Gerechtigkeit. Warum geht die deutsche Regierung mit unserem Anliegen anders um als mit dem der Holocaust-Opfer? Es ist genau das gleiche." Eine Entschuldigung und Entschädigungszahlungen erhoffen sich die Herero und die Nama in der kommenden Legislaturperiode.

Herero in Namibia
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Die deutschen Besatzer verübten nach Meinung vieler Historiker den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts an den Herero.

Diskussion über Bestechung

Oppositionsführer McHenry Venaani will vor allem gegen Bestechung kämpfen. Er tritt mit der PDM an, der Vereinten Demokratiebewegung. Ihn stört nicht nur, dass Fischerei-Unternehmen zugegeben haben, Politiker geschmiert zu haben, um höhere Fangquoten genehmigt zu bekommen. Auch der Bergbau spielt eine Rolle. Die größten Uran-Minen werden von Chinesen kontrolliert.

"Wir werden nicht zulassen, dass unsere Arbeitsplätze von Ausländern übernommen werden. Namibias Arbeitsplätze gehen an Namibier. Deshalb sagen wir, dass wir eine rigorose Politik verfolgen werden, die heißt: ein Job pro Familie. Die Chinesen sind hier im Ausland, sie bezahlen Minister und geben deren Kindern Stipendien. Das wird der Vergangenheit angehören."

Politische Kommentatoren erwarten ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Präsidentenamt, den Sieg der SWAPO sehen sie aber trotz Verlusten nicht gefährdet.

Ungleichheit und Korruption: Namibia wählt Parlament und Präsidenten
Jana Genth, ARD Johannesburg
27.11.2019 16:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. November 2019 um 16:00 Uhr.

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