Palästinensische Männer  in einem stark zerstörten Wohnviertel von Gaza-Stadt am frühen Morgen. | AFP

Nahost-Konflikt Israel bombardiert Haus von Hamas-Chef

Stand: 16.05.2021 10:36 Uhr

Seit Tagen gibt es im Nahost-Konflikt Angriffe, Gegenangriffe und Tote auf beiden Seiten: Israel bombardierte nun das Haus eines Hamas-Chefs, die Palästinenser nahmen erneut den Großraum Tel Aviv unter Beschuss.

Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben einen Luftangriff auf das Haus des Chefs des politischen Flügels der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen, Jahia Sinwar, ausgeführt. Auf Twitter veröffentlichte die Armee ein Video, auf dem ein durch ein Bombardement schwer beschädigtes Haus zu sehen war, aus dem Rauchwolken aufstiegen. Ob Sinwar bei dem Anschlag getötet wurde, war zunächst unklar. 

Haus war Teil "militärischer Infrastruktur" der Hamas

"Zu den angegriffenen Zielen gehörten das Haus von Jahia Sinwar, dem Chef des Politbüros der Hamas im Gazastreifen, und das seines Bruders Muhammad Sinwar, Logistik- und Rekrutierungschef der Hamas", erklärte die Armee. Beide Häuser seien Teil der "militärischen Infrastruktur der Terrororganisation Hamas" gewesen, hieß es weiter. Auch Augenzeugen berichteten der Nachrichtenagentur AFP von einem Angriff auf Sinwars Haus. Sinwar war 20 Jahre lang in Israel inhaftiert, bevor er 2011 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigelassen wurde. Der ehemalige Kommandeur des militärischen Arms der Hamas wurde erstmals 2017 zum Chef des politischen Hamas-Flügels im Gazastreifen gewählt.

Israels Luftwaffe hatte am Samstag bereits das Haus eines anderen ranghohen Führers der Hamas bombardiert. Das Haus von Chalil al-Haja, Vize-Chef des Hamas-Politbüros, habe als "Terror-Infrastruktur" gedient. Nach palästinensischen Angaben hielt Al-Haja sich aber zur Zeit des Angriffs nicht in dem Haus auf. Israels Militär hatte der Führungsriege der im Gazastreifen herrschenden Palästinenserorganisation Hamas zuvor mit gezielter Tötung gedroht.

Angriffe auch wieder auf das Hamas-Tunnelnetzwerk

Als Teil der fortwährenden Angriffe auf das unterirdische Tunnelnetzwerk der Hamas, der sogenannten Metro, seien 30 weitere Ziele bombardiert worden. Außerdem habe die Luftwaffe Dutzende Waffenlager und Raketenabschussrampen beschossen. Binnen 24 Stunden habe die Luftwaffe 90 Ziele militanter Palästinenser angegriffen. Nach palästinensischen Angaben waren es die bisher schwersten Luftangriffe im Gazastreifen.

In Gaza-Stadt wurden nach Augenzeugenberichten fünf Häuser zerstört. Man befürchte viele Tote und Verschüttete unter den Trümmern. Das Gesundheitsministerium in Gaza teilte mit, in der Stadt seien in der Nacht acht Menschen getötet und 45 verletzt worden. Unter den Toten sei auch ein Arzt des Schiffa-Krankenhauses, der größten Klinik in Gaza.

Militante Palästinenser hatten in der Nacht den Großraum Tel Aviv sowie weitere israelische Ortschaften erneut massiv mit Raketen beschossen.

Israel, das Westjordanland und der Gazastreifen

Mediengebäude bombardiert

Gestern waren unter anderem zehn Mitglieder einer einzigen Familie durch einen israelischen Angriff im Gazastreifen getötet worden, unter ihnen acht Kinder. Auch wurde ein von internationalen Medien genutztes Gebäude in dem Küstengebiet durch israelische Raketen zerstört. Den Angriff begründete die israelische Armee damit, dass sich darin auch militärische Anlagen des Geheimdienstes der Hamas befunden hätten. "Den Leuten wurde genug Zeit gelassen, um das Gebäude zu räumen. Obwohl wir wussten, dass diese Zeit auch von Hamas und dem Islamischen Dschihad genutzt werden würde, um wichtige Ausrüstung zu retten", hatte ein Armeesprecher erklärt. In dem in Trümmern gelegten 13-stöckigen Hochhaus hatten die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) sowie der katarische Fernsehsender Al-Jazeera Büros.

Biden besorgt "um Sicherheit von Journalisten"

US-Präsident Joe Biden zeigte sich nach dem Angriff in einem Telefonat mit Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu besorgt über "die Sicherheit von Journalisten" in dem Konflikt, wie das Weiße Haus mitteilte. "Wir haben den Israelis direkt gesagt, dass die Gewährleistung der Sicherheit und des Schutzes von Journalisten und unabhängigen Medien eine vorrangige Pflicht ist", erklärte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki. Netanyahu betonte seinerseits nach Angaben seines Büros in dem Telefonat, dass seine Regierung "alles" tue, um in dem Konflikt Schaden für Unbeteiligte zu vermeiden.

Angriffe und Gegenangriffe seit Tagen

Der Konflikt zwischen Israel und militanten Palästinensern im Gazastreifen war in den vergangenen Tagen massiv eskaliert. Die israelische Armee griff seit Montag Hunderte Ziele im Gazastreifen an. Dabei wurden nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörden mehr als 140 Menschen getötet, darunter Dutzende Kinder. Radikale Palästinenser schossen ihrerseits aus dem Küstenstreifen rund 2900 Raketen auf Israel ab. 450 von ihnen stürzten nach israelischen Angaben auf dem Gebiet des Gazastreifens ab, rund 1150 weitere wurden vom israelischen Raketenabwehrsystem Iron Dome abgefangen. Durch die Raketenangriffe wurden in Israel zehn Menschen getötet, unter ihnen ein Kind und ein Soldat. Mehr als 560 Israelis wurden verletzt.

UN-Sicherheitsrat kommt erneut zusammen

Zum dritten Mal binnen einer Woche beschäftigt sich der UN-Sicherheitsrat heute mit dem eskalierten Nahost-Konflikt. UN-Generalsekretär António Guterres reagierte besorgt auf die jüngsten Entwicklungen. Laut einem Sprecher zeigte er sich bestürzt über die steigende Zahl von zivilen Opfern. Er erinnerte auch daran, dass jeder Angriff auf zivile und mediale Strukturen gegen das Völkerrecht verstoße.

Mit Informationen von Kilian Neuwert, ARD-Studio Tel Aviv, z. Zt. München

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Mai 2021 um 09:15 Uhr.