Friederike Mayröcker  | dpa

Schriftstellerin Mayröcker gestorben Schreiben - bis zum Tod

Stand: 04.06.2021 14:57 Uhr

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ist tot. Sie gehörte zu den bedeutendsten Dichterinnen der Gegenwart. Eines Tages nicht mehr schreiben zu können, war ihre größte Angst.

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ist im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben. Das teilte der Suhrkamp Verlag in Berlin mit. Die groß gewachsene, fast hagere Frau mit dem tiefschwarzen Haar gehörte über Jahrzehnte fest zur Literaturszene ihrer Heimatstadt Wien.

Mit ihrem von großer Sprachfantasie geprägten Werk nahm Mayröcker eine einzigartige Position in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ein.

Bis zur ihrem Tod schrieb Mayröcker anarchisch und innovativ. Mehr als 100 Bücher veröffentlichte sie - darunter Gedichte, experimentelle Prosa, Hörspiele, Bühnentexte und Aufsätze. Außerdem Proeme, für sie ein Zwischending zwischen Prosa und Lyrik.

Und ich bin ganz besessen von dieser Vorstellung, Proeme zu schreiben und darüber bin ich so glücklich, dass ich das noch erfunden habe.

Sie verwob Sprache und Geist

Ein Leben ohne Schreiben, das war für sie unvorstellbar. Das Schreiben sei für sie Trost und Hilfe: "Ich habe immer vorgehabt, bis zum letzten Moment meines Lebens zu schreiben und es wird mir vielleicht gelingen", sagte sie 2019.

In ihrem poetischen und lebendigen Sprach- und Schriftuniversum verwob sie Sprache und Geist mit der gesamten Welt. Auch die Kunst war ihr wichtige Inspiration. Sie setzte sich auseinander, träumte und trauerte und erfand Wörter, die sie auch optisch hervorhob mit eigenwilliger Zeichensetzung und Schreibweise.

Friederike Mayröcker | EPA

Mayröcker 1999 in ihrem Arbeitszimmer in Wien Bild: EPA

Eine Wohnung voller Ideen

Ihre Wiener Arbeitswohnung war legendär voll: Körbe und Kartons mit Notizen, CDs, Textentwürfen, sowie hohe- Papier und Bücherstapel oder Zettel an der Wand.

Ich suche Material, das mich anregt und das hat mich gesundheitlich ziemlich kaputt gemacht. Ich hab dann ganz hohe Blutdruckwerte bekommen und musste dann doch mir Zügel auferlegen, was mir gar nicht gefallen hat.

"Jandl war die Basis meines Lebens"

Mayröckers lange Haare waren bis zuletzt schwarz gefärbt, ihre Augen schminkte sie gerne mit Kajal. Und auch im hohen Alter glich ihre Erscheinung der Frau, die viele Auftritte hatte gemeinsam mit Ernst Jandl. Die beiden waren seit Mitte der 1950er-Jahre ein Paar bis zu Jandls Tod im Jahr 2000. "Jandl war einfach die Basis meines Lebens. Seit Ernst Jandl tot ist, ist die Basis mir entzogen", sagte sie nach seiner Beisetzung.

Für ihr umfangreiches Werk bekam Mayröcker 2005 den Büchner Preis, nur eine von zahlreichen Auszeichnungen. Immer wieder war sie auch für den Literaturnobelpreis im Gespräch.

Verachtung für den Tod

Nicht mehr da zu sein, nicht mehr schreiben zu können, das machte Mayröcker Angst.

Ich hasse den Tod und der Tod ist eigentlich auch das Bedauerlichste. Weil er den Menschen herabsetzt. Weil er als sogenannte Krone der Schöpfung eben nicht über sein Weiterleben bestimmen kann", so die Schriftstellerin. "Er wird einfach weggerissen. Mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Leben heraus.

Mit Informationen von Andrea Beer, ARD-Studio Wien

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Juni 2021 um 14:00 Uhr.