Demonstranten machen den Drei-Finger-Gruß in Yangon in Myanmar. | AFP

Untergrundkliniken in Myanmar "Nie so schlimme Verletzungen gesehen"

Stand: 07.06.2021 13:42 Uhr

Seit mehr als vier Monaten wehren sich Demonstranten in Myanmar gegen die Militärjunta. Auf viele von ihnen wird mit Kriegswaffen geschossen. Hilfe erhalten die Schwerverletzten in geheimen Kliniken im Untergrund.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Wie aus dem Nichts tauchen Tausende Menschen auf einem Platz in Yangon auf. Sie skandieren den wütenden Schlachtruf des Widerstands: "Do Aye" - "Es ist unsere Pflicht". Bevor die Mannschaftstransporter der Armee auffahren, sind die Demonstranten wieder verschwunden.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur

Es ist ein Flashmob als Protest gegen die Junta. Tag für Tag riskieren die Menschen auf den Straßen Myanmars ihr Leben. Denn die Sicherheitskräfte schießen ohne Warnung unterschiedslos auf Männer, Frauen, Kinder - und zwar mit Waffen, die für den Krieg gebaut wurden.

Demonstraten laufen als Flashmob über eine Straße in Yangon. | AP

Protest-Flashmob in Yangon: "Do Aye!" - "Es ist unsere Pflicht!" Bild: AP

Medizinische Behandlung in Klöstern

"Ich habe noch nie so schlimme Verletzungen gesehen", sagt der Arzt Dr. Phai. "Kopfdurchschüsse, zerfetzte Gliedmaßen und zersplitterte Knochen, innere Organe, die durch Hochgeschwindigkeitsgeschosse regelrecht explodiert sind. Aber auch Verletzungen durch Gummigeschosse, Körper die von oben bis unten blau von Blutergüssen sind."

Dr. Phai, der in Wahrheit anders heißt, arbeitet in einer Untergrundklinik in Myanmars größter Stadt Yangon. Der Neurochirurg hat seiner Arbeit in einem Krankenhaus den Rücken gekehrt und sich der Bewegung des Zivilen Ungehorsams angeschlossen, so wie die meisten Ärzte. In buddhistischen Gebetsräumen oder Klöstern behandeln sie die Opfer des Militärs.

"Sie schießen sogar auf Ambulanzen"

"Oft liegen die Verletzten lange unversorgt auf der Straße, das Militär lässt nicht zu, dass wir sie bergen, sie schießen einfach weiter", sagt Dr. Phai. "Sie nehmen auch keine Rücksicht auf Ärzte und Krankenschwestern, sie schießen sogar auf Ambulanzen. Und wenn sie erfahren, dass wir Patienten behandeln, dann stürmen sie den Ort und nehmen die Ärzte und freiwilligen Helfer fest - deshalb sind wir mit unserer Klinik in den Untergrund gegangen."

Geräte, Instrumente, Verbandsmaterial und Medikamente bekommen die Untergrundärzte von Mitarbeitern regulärer Kliniken, die mit dem Widerstand sympathisieren. Schwierige Fälle bringt Dr. Phai manchmal auch heimlich in besser ausgestattete Privatkliniken, die damit ihre Zulassung riskieren.

Aber auch für die Patienten aus der Widerstandsbewegung ist eine Behandlung hoch riskant: "Es ist gefährlich für Demonstranten, in normale Kliniken zu gehen", sagt Dr Phai. "Oft durchsuchen die Soldaten die Krankenhäuser und nehmen verletzte Protestler mit und bringen sie in Militärkrankenhäuser. Anschließend werden sie vor Militärgerichten angeklagt und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt und wir hören nichts mehr von ihnen."

Der Widerstand ist ungebrochen

Fast 900 Menschen sind gestorben, Tausende wurden eingesperrt - und dennoch hat der Widerstand in Myanmar auch nach vier Monaten nichts von seiner Entschlossenheit eingebüßt. Die Proteste gehen weiter, auch wenn viele inzwischen hungern, weil die Wirtschaft des Landes am Boden liegt, lahmgelegt durch Streiks und Boykotte.

"Die Menschen in Myanmar haben begriffen, dass sie auf sich allein gestellt sind", sagt Phil Robertson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Er beklagt das Versagen der internationalen Gemeinschaft - des Westens ebenso wie der ASEAN, der Gemeinschaft südostasiatischer Staaten, die sich mit einer windelweichen Erklärung aus der Affäre gezogen hat.

"Diese Revolution wird siegen"

Nichtsdestotrotz ist der Arzt Dr. Phai überzeugt, dass sein Volk am Ende über die Diktatur triumphieren wird. "Ich glaube wirklich, dass die Revolution siegen wird", sagt er. "Das Militär ist vier Monate nicht mal in der Lage, eine einigermaßen funktionierende Verwaltung zu etablieren." Gleichzeitig sei die Armee überall im Lande mit bewaffnetem Widerstand konfrontiert.

"Die Leute haben erlebt, wie friedliche Demonstranten erschossen wurden und sie sind entschlossen, die Junta mit allen Mitteln zu bekämpfen, auch gewaltsamen", meint Dr. Phai. "Diese Revolution wird siegen. Wir werden kämpfen und wir werden Erfolg haben."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Juni 2021 um 08:11 Uhr.