Protestierende gegen die Militärjunta in Myanmar tragen einen Verwundeten in Yangon. | AFP

Gewalt in Myanmar "Sie versuchen, uns unsere Würde zu nehmen"

Stand: 21.03.2021 17:21 Uhr

Die Proteste gegen die Militärjunta in Myanmar dauern an, und die Sicherheitskräfte gehen zunehmend brutal dagegen vor. Die Zahl der Toten stieg auf mindestens 247. Desertierte Beamte behaupten: Es hat einen Schießbefehl gegeben.

Bei Protesten gegen die Militärjunta in Myanmar sind auch am Wochenende nach Berichten von örtlichen Medien und Augenzeugen zahlreiche Menschen getötet worden. Rund sieben Wochen nach dem Putsch des Militärs sei die Zahl der Toten auf mindestens 247 gestiegen, teilte die Vereinigung zur Unterstützung politischer Gefangener in Myanmar (AAPP) auf Twitter mit. Die tatsächliche Zahl sei wahrscheinlich weitaus höher. Trotz der Brutalität der Sicherheitskräfte gingen auch am Sonntag wieder Tausende in dem südostasiatischen Land auf die Straße.

Im Shan-Staat waren Protestierende mit Gasmasken auf der Straße, wie in örtlichen Medien zu sehen war. In Mandalay im Zentrum des Landes demonstrierte das Krankenhaus-Personal bereits bei Morgengrauen, um eine Konfrontation mit den Sicherheitskräften zu vermeiden. Um sich vor möglicher Gewalt durch die Sicherheitskräfte zu schützen, trugen die Ärztinnen, Pfleger und Krankenschwestern Schutzhelme.

Bei Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften in der zentralen Stadt Monywa wurde ein Mann getötet und mindestens zwei weitere Menschen verletzt, wie zwei Augenzeugen der Nachrichtenagentur AFP berichteten. "Sie setzten Betäubungsgranaten und Tränengas ein", sagte demnach ein Anwohner. Der Mann sei von einem Geschoss am Kopf getroffen worden und auf der Stelle tot gewesen.

Junta hat das Kriegsrecht verhängt

Zentrum der Proteste ist die Handelsmetropole und frühere Hauptstadt Yangon. Obwohl die Junta dort das Kriegsrecht verhängt hat, halten die Proteste weiter an. Die Protestbewegung werde nicht aufgeben, schrieb die bekannte Aktivistin Ei Thinzar Maung in einem mit dem Hastag #SpringRevolution versehenen Twitter-Beitrag. "Wir sind zum Sieg geboren."

Mehrere Medien berichteten, bei den jüngsten Demonstrationen in Yangon sei ein 15-jähriger Schüler durch einen Kopfschuss von Soldaten getötet worden. "Ich werde niemals aufgeben. Wir haben versprochen, dass ihr Tod nicht umsonst war", sagte ein Anwohner bei der Beisetzung weiterer Opfer der Proteste auf einem Friedhof in Yangon der Nachrichtenagentur dpa. "Wir sind gekommen, um den Helden unseres Viertels Respekt zu zollen. Sie haben ihr Leben für Gerechtigkeit und Freiheit unseres Volkes geopfert."

"Das sind Terroristen"

Seit dem Militärputsch geht die Junta brutal gegen die Demonstrierenden vor, die in Massen die Freilassung von Aung San Suu Kyi fordern und eine Rückkehr zum demokratischen Prozess. "Die Opfer und grundlosen Schüsse nehmen mit jedem Tag zu", erklärte AAPP. Mehr als 2300 Menschen wurden demnach zudem festgenommen.

"Das sind keine Soldaten oder Polizisten mehr, das sind Terroristen", sagte ein Demonstrant der dpa. Sicherheitskräfte hätten Autos angehalten und die Insassen gezwungen, sich auf den Boden zu werfen. "Sie versuchen, uns unsere Würde zu nehmen." Medien berichteten zudem, das Militär zerstöre auch Eigentum von Demonstranten.

Sicherheitskräfte sprechen von Schießbefehl

Einige Beamte wollten dieses Vorgehen offenbar nicht länger mittragen und flohen nach Indien, weil sie nach eigenen Angaben nicht auf Protestierende schießen wollten. Einer der Beamten in einem Dorf im indischen Staat Mizoram in Nordosten des Landes nahe der Grenze zu Myanmar sagte der Nachrichtenagentur AP, er habe den Schießbefehl verweigert und wolle erst in seine Heimat zurückkehren, wenn die Probleme nach dem Militärputsch dort gelöst seien.

Eine andere geflohene Polizistin sagte, sie und Kollegen hätten in Myanmar den Befehl bekommen, Demonstranten zu "verhaften, zu schlagen, zu foltern". Die Sicherheitskräfte seien immer an die Front geschickt worden, wenn es einen Protest gegeben habe. Die Beamten hätten "keine Wahl" gehabt, als Myanmar zu verlassen, berichtet AP. Die Schilderungen der Beamten konnten nicht von unabhängiger Seite bestätigt werden.

Aung San Suu Kyi seit Februar in Gewahrsam

An den Protesten beteiligen sich unter anderem Studenten, Mönche, Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Angestellte bei Behörden. Am 1. Februar hatte Myanmars Armee gegen die "Nationale Liga für Demokratie" (NLD) unter De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi geputscht und einen einjährigen Ausnahmezustand verhängt. Den Umsturz begründeten die Generäle mit Wahlbetrug, ohne Beweise dafür vorzulegen. Die Parlamentswahlen vom November hatte die NLD gewonnen; die militärtreue USDP war unterlegen.

Die Militärjunta wirft der 75-jährigen Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi unter anderem Korruption und "Anstiftung zum Aufruhr" vor. Sie befindet sich derzeit in Gewahrsam. Sollte sie in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen werden, drohen ihr bis zu 30 Jahre Haft.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. März 2021 um 17:37 Uhr.