Demonstranten erheben ihre Fäuste während eines Protestes gegen den Militärputsch in Mandalay, Myanmar. | EPA

Widerstand in Myanmar Protest statt Neujahrsfest

Stand: 17.04.2021 12:03 Uhr

In Myanmar beginnt das neue Jahr. Doch niemand feiert die traditionelle Wasserschlacht - denn die Bevölkerung demonstriert gegen den Militärputsch. Es hat sich bereits eine Gegenregierung formiert.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Blumen zum Beginn des neuen Jahres, Ballons mit Botschaften des Protestes und immer wieder der Ruf: "Es ist unsere Aufgabe!". Aber es gibt kein turbulentes Wasserspritzen, gegenseitiges Nassmachen, wie es zum buddhistischen Neujahrsfest in Myanmar üblich ist. Stattdessen Widerstand: "Wir wollen Demokratie", steht auf den Ballons.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Zehn Wochen nach dem Militärputsch protestieren die Bewohner Myanmars weiter gegen die Diktatur. Statt das neue Jahr zu begrüßen, wie sich die Junta das wünscht, verteilen sie Kunstblut auf den Straßen. Damit erinnern sie an die mehr als 700 Menschen, die die Sicherheitskräfte bisher getötet haben, darunter auch Kinder.

Angst als Waffe

Diese Protestaktionen erfordern sehr viel Mut, sagen Beobachter in Myanmar, denn selbst für das Schlagen auf Töpfe und Schüsseln sind schon Menschen festgenommen worden. Eine willkürliche Schreckensherrschaft breitet sich aus. Jeden Moment können Polizisten wieder zugreifen und Menschen aus ihren Betten reißen und mitnehmen. Oder Soldaten schießen auf Ärztinnen und Sanitäter, die versuchen, Leben zu retten.

Angst ist eine Waffe des Militärs. Listen mit gesuchten Personen machen die Runde, und wenn jemand mitgenommen wird, wissen die Angehörigen nie, ob er oder sie lebend zurückkommt. "Wir müssen viel opfern, um das auf den Weg zu bringen", beschreibt Demokratieaktivist Min Ko Naing den Schritt der Juntagegner: Denn jetzt haben sie eine eigene Regierung ausgerufen, die sogenannte Regierung der nationalen Einheit.

Bewaffnete ethnische Gruppen

Sie setzt sich zusammen aus Parlamentariern, die bei der Wahl vom 8. November vergangenen Jahres ihre Sitze gewonnen haben, und politischen Parteien. Dazu kommen Vertreter von gesellschaftlichen Organisationen, Frauen- und Jugendbewegungen und die Bewegung des Zivilen Widerstands. Außerdem, und am wichtigsten: Es sind die ethnischen bewaffneten Organisationen dabei.

"Unsere wichtigste Aufgabe ist es, diese Militärdiktatur ein für alle mal zu beenden, die Demokratie und die Freiheit der Menschen von Myanmar zurückzubringen. Wir werden nicht ruhen, bis wir dieses Ziel erreichen", sagt Dr. Sasa, einer der wichtigsten Sprecher der Juntagegner und Minister für internationale Zusammenarbeit dieser Regierung.

Er appelliert deutlich an die internationale Gemeinschaft, die Regierung der nationalen Einheit anzuerkennen: "Wir sind die demokratisch gewählten Führer Myanmars. Die Wahl war frei, fair und demokratisch. Wenn die freie und demokratische Welt uns ablehnt, dann heißt das, sie lehnen die Demokratie ab, so einfach ist das. Sie lehnen die Menschen von Myanmar ab."

Versöhnen sich die Volksgruppen am Ende?

Die Mitarbeit der ethnischen bewaffneten Organisationen ist das Besondere: Im Vielvölkerstaat Myanmar führten und führen einige von ihnen seit Jahrzehnten einen Unabhängigkeitskampf, jede Ethnie für sich. Jetzt haben sie einen gemeinsamen Gegner: das Militär. Doch genau das lässt viele internationale Beobachter befürchten, dass Myanmar auf einen langen zermürbenden Bürgerkrieg zusteuert, dass ein neues Syrien mitten in Asien entsteht. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. April 2021 um 12:00 Uhr.