Konzertplakate in Ägypten (Archivbild) | Bildquelle: AFP

Verfolgte Musiker in Ägypten Zensiert und verhaftet

Stand: 11.02.2018 11:31 Uhr

Die kulturellen Freiheiten, die in Ägypten zur Zeit des arabischen Frühlings errungen wurden, macht die Al-Sisi-Regierung immer weiter rückgängig - mit teilweise massiven Repressionen.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

 "Hast du nicht einmal vom Nil getrunken?", singt die ägyptische Star-Sängerin Shirin in einem ihrer bekanntesten Lieder. Doch dann der Skandal: Als sie bei einem Konzert aufgefordert wird, das Lied anzustimmen, sagt sie lachend: "Trinkt lieber nicht vom Nil, sonst werdet ihr krank, trinkt lieber Mineralwasser."

Was als Scherz gemeint war, hat für Shirin in Ägypten dramatische Folgen: Ein Anwalt reicht Klage ein. Radiosender spielen ihre Lieder nicht mehr. Der Musikerverband suspendiert sie. Weil sie den Nil - den Nationalstolz Ägyptens - als krankheitsbringend dargestellt hat, wird Shirin zur Persona non grata. Und sie ist nicht die einzige.

Die junge Sängerin Shaimaa wird zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil sie in ihrem Musikvideo lasziv an einer Banane leckt. Der Richter sah es als erwiesen an, dass sie zur Unzucht anstifte.

Ägyptens Präsident Al-Sisi | Bildquelle: AP
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Die Regierung von Ägyptens Präsident Al-Sisi geht vermehrt gegen Künstler vor.

Angst vor Pluralismus?

"Das ist wirklich dramatisch, was momentan in Ägypten passiert", sagt die Ägypterin Hoda Salah, Politikwissenschaftlerin in Berlin. Anders als viele Menschen in Ägypten traut sie sich offen zu sprechen. Sie sagt: Der Staat spiele sich als Hüter der Moral auf, um von eigentlichen Problemen abzulenken. "Und die Opfer sind Menschen, die anders sein wollen, zum Beispiel Homosexuelle oder Künstler oder soziale und kulturelle Initiativen, die kritisch sind."

Vor allem bekommen die Bands Probleme, die in ihren Texten politisch sind. So zum Beispiel Cairokee - eine ägyptische Band, die während der Revolution des sogenannten arabischen Frühlings vor sieben Jahren bekannt wurde. Ihr Lied Horreya - "Freiheit" - wurde einer der Ohrwürmer der Revolution.

Doch seitdem hat sich viel verändert in Ägypten - und Cairokee spürt das. Vor einem Jahr sagte Bandleader Amir Eid im Interview mit der ARD: "Das Leben geht zwar irgendwie weiter, mit seinen Höhen und Tiefen, aber man fühlt sich deprimiert. Manchmal überlegt man, ob man nicht zu Hause bleibt und alles hinwirft. Fast alle in Ägypten sind verstummt, nur wenige sprechen über in die Situation im Land. Nur noch wenige Sänger trauen sich darüber zu singen, viele haben das Land verlassen."

Tahrir-Platz mit Tausenden von Menschen | Bildquelle: REUTERS
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Die Aufbruchstimmung der Proteste auf dem Tahrir-Platz ist weitgehend verloren gegangen.

Die Schere im Kopf

Auch Musikmanager Mahmoud Youssef beobachtet den Druck, unter dem einige Musiker stehen. Das Hauptproblem sei die Zensur, sagt er. "Über manche Themen darfst du nicht mehr sprechen. Sexuelle Themen oder Politik dürfen in den Liedern nicht mehr vorkommen. Einige der bekanntesten Bands in Ägypten haben jetzt Beschränkungen, was sie singen dürfen. Das ist das Problem der Szene."

Cairokee kann seit Monaten nicht mehr auftreten. Immer wieder werden Konzerte angekündigt – und dann kurzfristig ohne Angabe von Gründen wieder abgesagt. Auf Twitter schreibt der Bandleader: "An diejenigen, die denken, dass sie schlau sind und ich den kürzeren ziehen werde: Mit jedem neuen Lied zeigt sich, dass ihr nur eine Gruppe von Provokateuren seid. Wir zahlen den Preis dafür - und trotzdem machen wir weiter!"

Und Mahmoud Youssef wünscht sich vor allem eines für Ägypten: eine freie Kulturszene. "Freiheit muss in der Kunst beginnen. Wir Ägypter haben nie gelernt, wie man mit Freiheit umgeht. Aber das heißt nicht, dass ich den Menschen die Freiheit nehmen kann. Ich muss ihnen beibringen, damit umzugehen. Und die Kunst ist der beste Weg, den Menschen die Freiheit zu lehren. Das ist meine Philosophie."

Zensiert und verhaftet - Musiker in Ägypten unter Druck
Anna Osius, ARD Kairo
11.02.2018 08:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete BR-Klassik am 02. Februar 2018 um 06:05 Uhr.

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