Interview

Ein Jahr nach den Anschlägen von Mumbai "Indien ist nicht in alte Muster verfallen"

Stand: 25.11.2009 16:44 Uhr

Ein Jahr nach den Anschlägen haben die Menschen in Mumbai der mehr als 170 Todesopfer gedacht. Landesweit fanden Zeremonien und Schweigeminuten statt. Die Angst vor neuen Attacken sei zwar weiterhin da, sagt ARD-Korrespondent Florian Meesmann. Doch die Menschen wollten sich nicht einschüchtern lassen. Auch Indien und Pakistan bemühten sich wieder um eine Annäherung.

tagesschau.de: Wie sieht es am Jahrestag in Mumbai aus? Werden neue Anschläge befürchtet?

Schüler gedenken der Opfer des Terrors in Mumbai
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Wie hier an einer indischen Schule wurde landesweit an die Opfer des Terrors in Mumbai vor einem Jahr gedacht.

Florian Meesmann: Die Angst ist natürlich da. Es gibt verschärfte Sicherheitsvorkehrungen – schon seit einigen Tagen. Dadurch will die Regierung den Menschen besonders an diesem Tag Sicherheit signalisieren. Diese Anschläge vor einem Jahr kann man von der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit durchaus mit denen vom 11. September in den USA gleichsetzen.

tagesschau.de: Und wie ist die Stimmung bei den Menschen in Mumbai?

Meesmann: Zum einen gibt es den berühmten Überlebenswillen dieser Stadt, die in ihrer Geschichte schon viel erlebt hat. Das haben wir schon in den Tagen direkt nach dem Anschlag beobachtet: Die Menschen wollen zeigen, dass sie sich nicht unterkriegen und einschüchtern lassen. Andererseits sagen aber auch viele Menschen, dass sie noch heute Unbehagen empfinden. Sie fühlen sich nicht mehr so sicher, wenn sie an die Orte der Angriffe zurückkehren, beispielsweise an den Bahnhof. Außerdem gibt es Hunderte Angehörige von Verletzten und Todesopfern – und für diese Menschen sind das jetzt ganz bittere Tage.

Das "Taj Mahal Palace"-Hotel in Mumbai, ein Jahr nach den Anschlägen. | Bildquelle: AFP
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Das "Taj Mahal Palace"-Hotel in Mumbai, ein Jahr nach den Anschlägen.

tagesschau.de: Trauer ist das eine, aber gegen wen richtet sich der Zorn?

Meesmann: Das sind zwei klare Objekte. Zunächst der einzig überlebende Attentäter, der unter dem Namen Kasab berühmt geworden ist. Ihm wird seit dem Frühjahr der Prozess gemacht – und ihm droht die Todesstrafe. In diesem Prozess sind viele Details über die Planung sowie die Hintermänner der Anschläge bekannt geworden. Diese sind ganz offensichtlich in Pakistan vorbereitet worden. Die Vorbehalte gegen den ungeliebten Bruderstaat haben stark zugenommen, da man dort die Verantwortlichen sieht. Hass ist das wohl nicht, aber die negativen Gefühle sind stark angewachsen. Das Verhältnis hat sich bis heute nicht erholt.

tagesschau.de: Ist das Misstrauen gegenüber Pakistan gerechtfertigt?

Meesmann: Genau das wird auf den Kommentarseiten der indischen Tageszeitungen intensiv diskutiert. Auf der einen Seite hat Pakistan jetzt im Prozess gegen sieben Hintermänner der Anschläge Anklage erhoben. Auf der anderen Seite – und dieser Vorwurf  wird in Indien immer wieder erhoben – gibt es nach wie vor Ausbildungslager für radikale islamistische Terroristen in Pakistan. Da wird aus Sicht der Inder viel zu wenig getan, um diese terroristischen Organisationen auszuschalten.

tagesschau.de: Trifft dieser Vorwurf zu?

Meesmann: In Pakistan gibt es durchaus Kräfte, die versuchen gegen Terror-Organisationen vorzugehen. Aber es scheint so, als ließe sich das nicht bis in den letzten Winkel der pakistanischen Sicherheitskräfte durchsetzen. Experten gehen davon aus, dass beispielsweise Teile des Geheimdienstes ein Eigenleben führen. Und dadurch erhalten die Terror-Organisationen weiterhin Unterstützung.

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Indien gedenkt der Anschläge von Mumbai

Gedenkfeier in Mumbai

Am ersten Jahrestag der Terrorangriffe von Mumbai ist an mehreren Orten der indischen Finanzmetropole mit Aktionen und Mahnwachen an die Todesopfer erinnert worden.

tagesschau.de: Gab es denn - wie befürchtet - nach den Anschlägen zwischen der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit und der muslimischen Minderheit in Mumbai Spannungen ?

Meesmann: Das ist erfreulicherweise ausgeblieben. Auch bei den Parlaments- und Regionalwahlen konnten die Radikalen keinen Profit aus den Attacken schlagen. Das werten politische Beobachter als ein Zeichen von politischer Reife.

tagesschau.de: Die Verantwortlichen in Indien und die Menschen in Mumbai haben also relativ besonnen reagiert?

Meesmann: Auf alle Fälle. Wenn es etwas erfreuliches gibt, dann ist es das. Man ist nicht wieder in alte Muster und Feindbilder zwischen den Bevölkerungsgruppen verfallen. Und auch gegenüber Pakistan hat Indien maßvoll reagiert und versucht, den Gesprächsfaden nicht ganz reißen zu lassen. Das Verhältnis ist deutlich schlechter als vor den Anschlägen – aber es gibt auch auf beiden Seiten Bemühungen, diese wieder zu verbessern.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de

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