Indische Lumpensammler auf der Mülldeponie Ghazipur im Osten Neu-Delhis auf einem Archivbild im April 2018.  | Bildquelle: AFP

Müllsammler in Indien Auf der Kippe

Stand: 26.07.2020 21:14 Uhr

Mundschutz-Masken, Plastik-Kittel, Einweghandschuhe: Immer mehr Abfall aus den Corona-Kliniken landet in Indien auf den normalen Müllkippen. Die Müllsammler von Delhi riskieren dabei täglich ihr Leben.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Auf einer der Müllkippen am Rande von Delhi wühlen Hunderte Müllsammler nach verwertbaren Abfallresten. Männer, Frauen und auch Kinder durchsuchen die aufgetürmten Berge aus Hausmüll, Küchenabfällen und Plastikverpackungen, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur Reuters zu sehen ist. Sie suchen nach verwertbaren Überresten des modernen Lebensstils von mehr als 20 Millionen Einwohnern der indischen Hauptstadt.

Seit Beginn der Corona-Pandemie landet auch gebrauchte Schutzkleidung aus den Covid-19-Kliniken auf den Hausmüllkippen. Tonnenweise Mundschutz-Masken, Einweghandschuhe und Plastik-Kittel des medizinischen Personals sind darunter. Und auch in den Privathaushalten in Delhi ist der Verbrauch und damit der Abfall von Corona-Schutzausrüstung drastisch angestiegen.

Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens nimmt einen Nasenabstrich einem Mann für einen Corona-Test in einem Krankenhaus in Neu-Delhi vor. | Bildquelle: dpa
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Nasenabstrich für einen Corona-Test in Neu-Delhi: Immer häufiger landet der Müll aus den Kliniken auf den Müllkippen.

Gefährlicher Sondermüll

Es sei kaum noch etwas Verwertbares dabei, klagt Mansoor Khan, ein Familienvater, der mit seiner Frau und drei Kindern, auf der Müllkippe lebt und vom Verkauf noch brauchbarer Reste den Lebensunterhalt für seine Familie bestreitet. "Es kommt immer mehr Abfall aus den Krankenhäusern hier an", klagt er. "Früher war das meiste Hausmüll aus den Wohngebieten, aber jetzt sind es nur noch unbrauchbare medizinische Abfälle."

Das dürfe eigentlich nicht passieren, sagt Dinesh Raj Bandela, vom Zentrum für Wissenschaft und Umwelt (CSE) in Delhi. Die Nichtregierungsorganisation setzt sich für nachhaltige Entwicklung ein. "Das ist eigentlich alles Sondermüll, der dort abgeladen wird und der ordnungsgemäß entsorgt werden müsste", sagt sie. "Die Müllsammler sind stark gefährdet, sie können dadurch alle möglichen Hautkrankheiten bekommen, Hepatitis A, B und C und wenn sie in eine gebrauchte Spritze treten, können sie sich auch mit HIV anstecken."

Unter den Müllsammlern sind auch Kinder, die ihren Eltern bei der Arbeit helfen oder ihren eigenen Lebensunterhalt auf diese Weise verdienen. Mit ihren kleinen geschickten Händen ziehen sie noch Brauchbares aus den Abfallbergen, die die Müllaster am laufenden Band abkippen. Ein 15-jähriger Junge, der viel jünger aussieht, sagte, er mache das schon seit zehn Jahren. "Diese Corona-Schutzkleidung lege ich zur Seite und suche nur das raus, was man verkaufen kann."

"Angst vor dem Corona-Virus macht uns nicht satt"

Dafür bekomme er täglich 600 bis 700 Rupien, umgerechnet etwa acht Euro. Am Rande der über 50 Hektar großen Müllkippe, deren Abfallberge bis zu 60 Meter hoch angewachsen sind, haben die Müllsammler ihr Zuhause. Einfache Unterkünfte, teilweise aus gemauerten Häusern, teilweise aus Plastikplanen und anderen Gegenständen, die sie hier gefunden haben.

"Angst vor dem Corona-Virus macht uns nicht satt", sagt Khan. "Wenn wir was essen wollen, müssen wir diese Arbeit machen."

Seine Frau Latifa Bibi macht sich Sorgen um die Gesundheit und die Zukunft der Kinder. "Ich habe große Angst vor dieser Krankheit", sagt sie. "Wenn ich den ganzen Tag in dem Dreck gewühlt habe, möchte ich gar nicht nach Hause gehen, weil ich meine Kinder mit etwas infizieren könnte."

Zehntausende Neuinfektionen

Indien steht nach den USA und Brasilien zurzeit an dritter Stelle der am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Länder. Am Wochenende wurden innerhalb von 24 Stunden über 48.000 Neuinfektionen gemeldet. Die offizielle Zahl der Corona-Fälle liegt jetzt bei knapp 1,4 Millionen.

Corona sei noch immer genauso gefährlich, wie zu Beginn der Pandemie, warnte Premierminister Narendra Modi in seinem Audio-Podcast. Er appellierte an die Bevölkerung, die Abstandsregeln, Hygiene- und Schutzmaßnahmen weiter ernst zu nehmen.

Die tatsächliche Zahl der Corona-Infektionen in Indien ist möglicherweise noch viel höher. Im Rahmen einer Studie, hat das nationale Zentrum für Seuchenkontrolle zwei Wochen lang mehr als 21.000 Menschen in Delhi auf Antikörper getestet und bei fast jedem Vierten Antikörper gefunden. Dabei hatten viele der Getesteten gar keine Symptome.

Rechnet man die Ergebnisse der Antikörper-Studie hoch, wäre die Dunkelziffer der Corona-Infektionen deutlich höher. Landesweit hätten sich dann schon rund fünf Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Viele davon, ohne es zu wissen.

Lebensgefährliche Entsorgung von Corona-Schutzkleidung in Indien
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
26.07.2020 20:34 Uhr

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